IBMs Revanche an Microsoft

Die von IBM kürzlich vorgestellte "Mobile Web Initiative" soll Daten und physische Zugriffswerkzeuge trennen. Notebooks oder PCs werden dadurch weitgehend überflüssig, der Verkauf dieser Sparte an Lenovo erscheint in ganz neuem Licht.

Spätestens seit das 1987 gemeinsam von IBM und Microsoft vorgestellte Betriebssystem OS/2 floppte, seit sich MS-DOS und Windows auf PCs weltweit durchsetzten und Compaqs Höhenflug begann, lag immer eine gewisse Spannung zwischen Microsoft und IBM in der Luft. Die Unix- und Linux-Bemühungen von IBM im Serverbereich und die Rivalität zwischen Lotus und Exchange trugen nicht dazu bei, diese abzubauen – aber lange Zeit war Koexistenz einfach unumgänglich. Das änderte sich grundlegend mit dem Verkauf der PC-Sparte durch IBM an Lenovo – nur merkte es keiner.

Der damals umstrittene Schachzug könnte sich im Lichte einer jetzt von IBM angekündigten „Mobile Web Initiative“ im Nachhinein als brillanter Geniestreich erweisen. Rüdiger Spies, Independent Vice President Enterprise Applications bei IDC, vertritt diese Ansicht mit Nachdruck: „IBM plant durch ein Lab in Indien eine groß angelegte Initiative für mobile Web Services. Diese sind dafür ausgelegt, den PC als das primäre Geschäfts- und Kommunikationsinstrument abzulösen oder zumindest seine Bedeutung drastisch zu reduzieren. Auf Grund des Verkaufs an Lenovo muss IBM keine Rücksicht mehr auf Microsoft nehmen. Alle IBM-Systeme mit Intel-Prozessoren laufen auch unter Linux. Dadurch hat sich IBM praktisch unabhängig von Windows gemacht.“

Spies sieht die IBM-Ankündigung als einen weiteren Beleg dafür, dass sich die PC-Ära dem Ende zuneigt. Die echten Innovationen kommen seiner Meinung nach in erster Linie aus dem mobilen Segment. „IBM bringt seine ganze Erfahrung aus der Virtualisierung von Hardware ein, um nicht wieder in eine Abhängigkeit à la Microsoft/Intel zu fallen. Das Zaubertool heißt SoulPad. Es separiert den eigentlichen Inhalt – die Daten – von allen physikalischen Elementen wie Tastatur, Festplatte, Bildschirm, Prozessor und so weiter.“

IBM geht in seinen Szenarien davon aus, dass Nutzer zwar auch künftig auf ihre Daten zugreifen, aber keinen vollständigen PC mehr mit sich führen wollen. Als Alternative bietet sich das Mobiltelefon an. Oder vergleichbare Geräte, etwa RIMs Blackberry, wie eine soeben im CRM-Umfeld geschlossene Kooperation zwischen SAP und dem Anbieter zeigt. Und die Zusammenarbeit zwischen Salesforce.com und Google geht in dieselbe Richtung.

IBMs Kooperation mit Vodafone für BuddyComm, einen Kommunikationsdienst für Nutzer von Social Networking Sites, lässt sich im Bewusstsein dieser Veränderungen ebenfalls aus einer anderen Perspektive betrachten. Als weitere Trümpfe, die IBM im Ärmel habe, nennt Spies den Cell-Prozessor, sowie seine weltweiten Datennetze und Computing-Center, die allesamt SaaS-fähig sind. „Microsoft wird dieser Schritt von IBM hart treffen. Eine Erklärung des Branchenprimus, dass der PC nicht mehr das Zentrum aller Innovation ist, ist gerade auch nach Microsofts Abkehr von der Yahoo-Übernahme umso schwerwiegender.“

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