Graham Andrews | PWC | „Mein Job ist wie der des Chefingenieurs eines Formel-1-Teams“

Graham Andrews von Price Waterhouse Coopers wurde gerade von ZDNet Australia zum "CIO of the Year" gewählt. Seine sachliche Perspektive und seine trotz allem Pragmatismus bisweilen überraschenden Ansichten lassen diese Wahl auch auf der anderen Seite des Globus verständlich erscheinen.


Wie groß ist die IT-Infrastruktur von PWC?

Price Waterhouse Coopers hat in Australien 6000 Mitarbeiter, weltweit 130.000 bis 150.000. In Asien sind es 30.000 bis 35.000. Wir haben wahrscheinlich mehr als 500 Anwendungen im Gebrauch. Dass Price Waterhouse Coopers vor allem Knowledge Worker beschäftigt, macht es ungewöhnlich: Verschiedene Leute tun sehr unterschiedliche Dinge. Für ihre Aktivitäten brauchen sie die ganze technische Bandbreite. Die meisten sind auch noch mobil.

Mobile Technologie – speziell Wireless – ist ein Fundament unseres Geschäfts. Die meisten unserer Fachleute sind gut bezahlt und viel unterwegs. Wenn sie wegen einer Info oder Rechnung zurück ins Büro müssen, verlieren sie Zeit. Wir müssen ihnen ermöglichen, immer und überall zu arbeiten, und von jedem Gerät aus. Also die traditionellen drei Anforderungen an universellen Rechner-Einsatz.

Meist benutzen sie Anwendungen, die nicht unbedingt auf ein portables Telefon passen. Nicht, dass wir nicht Tausende dieser Geräte hätten, aber wir nutzen gern 3G-Technologie. Damit hat man weltweit drahtlosen Zugang mit maximaler Geschwindigkeit.

Früher hatte man mehrere Geräte: Pager, PDA, Handy… Diese Dinge werden jetzt in eins integriert. Und sie bringen weitere Funktionen mit. Aber das bringt Sicherheitsprobleme mit sich, und das Problem der Verwaltung. Und die Frage, wie man die nötigen Screens, Portale und Applets dafür erstellt.

Ich suche im Grunde die Leistungskraft eines guten PCs, kombiniert mit Drahtlosfunk, der weltweit zur Verfügung steht. Das ist unsere Herausforderung.

Glauben Sie, dass das Iphone diese Lücke schließen kann?

Das Iphone ist toll, aber nur ein Verbraucherspielzeug. Den wenigsten großen Firmen wird es etwas bringen. Ich sehe das Iphone als ein tolles Telefon und nettes Spielzeug an. Ich denke, es ist kurzfristig mehr für den Verbrauchermarkt geeignet. Weniger für Dinge wie Steuererklärungen.

Welche Technologien begeistern Sie wirklich?

Heute reißen mich Technologien nicht mehr vom Stuhl. Das war früher anders.

Mein Job ist wie der des Chefingenieurs eines Formel-1-Teams. Ich muss herausfinden, wie wir das System eine Sekunde schneller je Runde machen können. Oder zwei Prozent weniger Benzin verbrauchen – oder einfach effektiver arbeiten. Vor 15 Jahren, ja, vor 5 Jahren wurden noch Geschäftsprozesse geändert. Da wurden 10.000 Arbeitsplätze mit PCs ausgestattet. Oder man musste plötzlich nicht mehr am Schreibtisch arbeiten. Mittlerweile kann man die tägliche Arbeit überall auf der Welt machen.

Diese Änderungen waren substanzieller, sind aber schon Jahre her. Jetzt feilen wir nur noch an Kanten – etwa Produktivitätssteigerung um zwei bis drei Prozent. Und wenn ich das schaffe, ist es schon viel. Aber ist das begeisternd? Nein.

Ich nenne jetzt ein paar Schlagwörter, und Sie sagen, welchen Einfluss diese Technologien auf Ihr Geschäft haben. Erstens: Voice over IP.

Voice over IP bietet – je nach Art Ihrer Organisation – reale finanzielle Vorteile. Wir sind eine dynamische Organisation, viele Leute kommen und gehen. Dass man Leute über Voice over IP finden kann, hat unsere Telefonkosten reduziert. Aber es passt nicht für jeden, und man muss vernünftig damit umgehen. Ein Telefon ist ein Telefon.

Virtualisierung.

Sexy. Ich mag Virtualisierung. Aber die Zahlen waren bis vor kurzem nicht überragend. Ich denke, das Interesse an Virtualisierung hat mehr mit der Stimmung der Wirtschaft zu tun.

Virtualisierung heißt, dass man weniger Hardware für ein Problem braucht. Hardware verbraucht definitionsgemäß Strom, verursacht Treibhausgase, braucht Kühlung und Raum. Virtualisierung bringt eher „grüne“ als finanzielle Vorteile. Vielleicht einige kleine Vorteile dadurch, dass man weniger Hardware braucht. Das wird aber durch die relativen Kosten dieser Hardware aufgewogen.

Das ist natürlich eine schöne Kombination. Aber letztlich besteht der Vorteil vor allem in CO2-Reduktion.

Outsourcing.

Outsourcing ist unglaublich wichtig. Wir können nicht überall gut sein. Die meisten IT-Organisationen lagern bereits sehr viel Arbeit aus. Datenkommunikation wird an Telcos vergeben und Softwareentwicklung an Firmen wie IBM oder Microsoft. Es gibt immer Möglichkeiten zum Outsourcen – man muss die Augen offenhalten.

Manchmal ist Outsourcing sinnvoll, manchmal nicht. Ich finde, dass man wirklich alles, was nicht wichtig ist, auslagern sollte – aber alles behalten, was strategisch wichtig fürs Geschäft ist.

Andererseits muss die IT auch bedenken, welchen Effekt dies auf ihre Kunden hat. Macht ihnen Outsourcing vielleicht das Leben schwer? Wir kennen alle die berühmten Callcenter in Indien. Sie sind nicht unbedingt schlecht. Aber bei einer größeren Krise bringen sie nichts – man braucht jemand vor Ort. Man muss also mit dem Outsourcen vorsichtig sein.

Ich bin Agnostiker: Es ist an der richtigen Stelle sinnvoll – und manchmal nicht. Je nach Wirtschaftslage habe ich über die Jahre alle Stadien durchgemacht: Vom Outsourcing bis zum Insourcing.

Open Source.

Open Source ist sinnvoll. Und sie passt für viele Unternehmen. Eine Organisation wie Price Waterhouse Coopers braucht aber ein respektables Geschäftsprofil. Und da kann Open Source ein bisschen den Ruf ruinieren. In manche OSS wird nicht lizenzierter Code integriert. Das kann in Zukunft Probleme bringen.

Ein anderer wichtiger Punkt ist Kompatibilität – da ziehe ich Mainstream-Produkte vor. Sie vereinfachen die Zusammenarbeit.

Im Laufe der Zeit, wenn Open Source mehr Tiefe hat, können auch große Firmen sie mehr nutzen. Aber wir benutzen Open Source, wo es angebracht ist, und wo wir finden, dass wir dadurch Vorteile haben.

Windows Vista.

Ich weiß nicht, wie viele Betriebssysteme ich schon erlebt habe. Vista ist nett. Es ist wieder etwas besser, und wir es werden wahrscheinlich irgendwann einführen. Aber es steht nicht an der Spitze meiner Prioritätenliste fürs nächste Jahr.

Wie sichern Sie eine so große Organisation wie PWC ab?

Das ist ein Alptraum.

Man kann es aus verschiedenen Winkeln betrachten. Wie geht man dieses Problem am besten an? Da gibt es verschiedene Modelle. Ich tendiere zu Modellvielfalt. Einige wollen eine zentralisierte Sicherheitsfunktion, die alles überprüft, testet und verifiziert.

Ich sehe das etwas demokratischer. Ja, wir haben auch eine Expertengruppe. Trotzdem ist Sicherheit jedermanns Problem. Besonders ein Problem derjenigen, die implementieren, Builds erstellen oder sonst Code schreiben. Sicherheit ist ein Feld für die gesamte Organisation – nicht nur die IT-Gruppe. Auch alle Nutzer müssen sich der Sicherheitsrisiken voll bewusst sein. Sie müssen verantwortungsbewusst handeln und wissen, dass sie dafür zuständig sind. Einfach, weil Sicherheit jeden angeht.

Wenn man die Sicherheit an eine Gruppe überträgt, hat man das Spiel eigentlich schon verloren. Sicherheitsdenken muss überall vorhanden sein.

Es scheint, dass Sie großen Wert auf die Aufklärung der Mitarbeiter legen?

Aufklärung ist entscheidend. Aber sie macht wohl nur 60 Prozent aus. Egal, wie man versucht, die Leute aufzuklären, es sind immer Dumme darunter. Manche versagen im Moment der Panik – deshalb muss man Systeme, Techniken und Prozesse aufbauen, die das Risiko minimieren. Nur mit Aufklärung erreicht man das nicht.

Man muss einfach alles einsetzen. Man braucht Prozessordnungen, strategische Prozesse und Prüfungsprozesse. Und Aufklärung. Nur ein Element reicht nicht aus.

Was sind die wichtigsten Maßstäbe für den Erfolg eines CIOs?

Keine Ahnung. Eigentlich müssen CIOs einfach überleben. Ihre Landschaft verändert sich ständig.

Im Moment ist unser Hauptproblem die weltweite Suche nach Talenten. Maßstab für einen guten CIO heute ist die Fähigkeit, Talente zu finden und zu halten.

Wir könnten eine schlimme Rezession oder sogar Wirtschaftskrise bekommen. Vielleicht nichts Großes, aber es wird kommen – und ein guter CIO muss reagieren und die Bedürfnisse seines Geschäfts anpassen, so schnell es überhaupt möglich ist.

Ich messe also den Erfolg eines CIO daran, wie schnell er relevante Statistiken liest. Und ich beurteile CIOs auch auf der Basis ihres Verständnisses für ihr Business. Und für ihre Mitarbeiter. Wenn sie das richtig machen, sind sie am richtigen Platz. Von anderen Maßstäben halte ich nichts.

Wie wichtig ist Green-IT?

Grüne IT – das ist verblüffend. Ich nenne jetzt keine Namen… Ein großer Hardware-Lieferant hat uns kürzlich ein Angebot für eine Laptop-Flotte eingereicht. Das Bewertungsteam hat festgestellt, dass das Papier mit dem Angebot einseitig bedruckt war. Und nicht etwa doppelseitig. Das wurde vermerkt. Und noch interessanter: Dieser Großlieferant hat über Nacht angeordnet, dass in Zukunft alle Angebote doppelseitig gedruckt werden.

Das war nur eine Nebenbemerkung – allerdings drucken wir selbst alles doppelseitig. Wir alles tun, um den Papierverbrauch gering zu halten. Unsere Leute haben gemerkt, dass andere das nicht tun. Der Unterschied wurde bemerkt und vermerkt. Viele unterschätzen grüne Themen.

Wichtig ist auch, wie wir als Unternehmen auf diese grüne Bewegung reagieren. Wir haben hier in unserem Gebäude in Sydney viel in Bezug auf unsere Beleuchtung unternommen. Darüber gab es große Zeitungsberichte, nicht nur in Australien. Man kann als Organisation viel Lob für ökologisches Engagement bekommen. Und man kann man auch bestraft werden, wenn man diesen Punkt vernachlässigt. Zum Beispiel könnte man in einem Auswahlverfahren scheitern, obwohl man ein gutes Produkt hat.

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