San Francisco Giants | Bill Schlough | „Wettbewerbsvorteile auf dem Spielfeld mithilfe der Technik.“

Für die ZDNet-Visions-Serie spricht Bill Schlough, CIO der San Francisco Giants, über die neueste technische Investition im Stadion: eine hochauflösende Anzeigetafel sowie allgegenwärtiges WLAN. Sein großes Vorbild ist die Arena auf Schalke. Er erläutert zudem den Einsatz der Technik hinter den Kulissen: Dort hilft sie bei der Analyse von Spielzügen und Spielern.


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Schön, dass Sie Zeit für uns haben

Sehr gern, es ist mir eine Freude.

Wir sind im Pressezentrum des At&T Parks, Heimstadion der San Francisco Giants. Sie managen das Stadion, die Spieler und den laufenden Betrieb. Wie genau sind Ihre Aufgabenbereiche als CIO aufgeteilt?

Eine gute Frage. In etwa gleichermaßen. Einen Großteil unserer Zeit sind wir damit beschäftigt, uns mithilfe der Technik Wettbewerbsvorteile auf dem Spielfeld zu verschaffen. Das Stadion und der laufende Betrieb sind für mich geschäftliche Aufgaben. Das Stadion gehört komplett uns. Das macht uns sehr einzigartig. Der Bau des AT&T Stadions war die erste vollständig privat finanzierte Baseball-Einrichtung seit dem Dodger Stadion vor vielen Jahren. Daher unterteilen sich meine Aufgaben einerseits auf Baseball – den Wettbewerb und Techniken, um die Leistung unserer Spieler zu verbessern. Andererseits gibt es geschäftliche Aufgaben. Hier hilft uns die Technik, Gewinne zur Finanzierung unserer Spieler zu erzielen.

Lassen Sie uns über das Stadion sprechen. Wir sehen hier viele Innovationen. Erst kürzlich haben Sie eine 30 mal zehn Meter große, hochauflösende Video-Anzeigetafel installiert. Hier, direkt hinter uns. Ich finde es sehr interessant, welche Informationen Sie dort übertragen.

Ja, darauf sind wir sehr stolz. Tatsächlich handelt es sich um unsere größte Investition seit dem Bau des Stadions im Jahr 2000. Es sind zwei Aspekte erwähnenswert: Die dargebotenen Informationen und die Bildqualität. Letzteres war uns besonders wichtig. Die Leinwand hat in etwa drei Millionen Dollar gekostet. Was jedoch kaum jemand weiß, ist wie wir die Beiträge auf die Leinwand übertragen. Stellen Sie sich vor, Sie haben einen HDTV-Plasmabildschirm zu Hause. Wenn Sie aber nicht zusätzlich den HDTV-Kabelanschluss bezahlen, dann sehen Sie lediglich herkömmliches Fernsehen auf einem großen Bildschirm. Viele Stadien haben zwar große Leinwände, investieren jedoch nicht in die nötige Infrastruktur für die hochauflösende Übertragung. Wir hingegen haben einen High-Definition-Regieraum und ein HD-Studio. Wir haben mehr Mitarbeiter und mehr HD-Kameras im Stadion. All diese Investitionen waren teurer als die Leinwand selbst. Aber damit ermöglichen wir eine überwältigende hochauflösende Übertragung. Andererseits ist uns die Darbietung von Informationen wichtig. Wir wollen so viel HD-Video präsentieren wie möglich. Bei einer 32 x 9-Anzeigefläche können wir zwei Bilder nebeneinander im 16:9-Format präsentieren. Als Standardbild zeigen wir die Aufstellung der beiden Teams. In der Mitte präsentieren wir bei Bedarf zusätzliche Informationen und Statistiken.

Eine weitere Besonderheit des Stadions ist seit 2004 der WLAN-Zugang. Wie wird er genutzt?

Wir haben damals 123 WiFi-Basisstationen installiert.

Verteilt auf über 90.000 Quadratmeter?

Ja. Zu der Zeit war es eine der größten WLAN-Installationen weltweit. Eine Schwierigkeit dabei waren die fünf Etagen im Stadion. Und die Möglichkeit, dass 40.000 Fans gleichzeitig versuchen könnten, das WLAN zu nutzen. Um eine durchgehende Abdeckung zu gewährleisten, positionierten wir überall Basisstationen. Jetzt hat man sowohl von den Booten in der Bucht, als auch bei den Fans am Willie Mays Plaza und von jedem einzelnen Sitzplatz im Stadion Empfang.

Wozu braucht man WLAN in einem Stadion? Bekommt man nicht alle Informationen durch die Anzeigetafeln? Rufen die Fans während des Spiels ihre E-Mails ab?

Wir sind sehr stolz darauf, dass wir unseren Fans kostenlos WLAN bieten können. Allerdings geht es nicht um den Begeisterungseffekt. Wir wollen unseren Fans auf gar keinen Fall Technik aufdrängen. WLAN ist eine ausgesprochen praktische Technik. Als wir das Stadion bauten, haben wir über alle möglichen technischen Raffinessen nachgedacht. Zum Beispiel über Sitzplätze mit eigenen Monitoren, über die jegliche Information abrufbar ist. Damit könnte man Essen bestellen oder im Internet surfen. WLAN ist von Vorteil, denn wenn unsere Fans es nicht nutzen wollen, dann lassen sie Ihre WLAN-Geräte zuhause. Man kann mit seinem Handheld oder Laptop das WLAN nutzen. Alle Informationen, von denen wir glauben, dass sie das Spielerlebnis für unsere Fans verbessern, sind gebündelt verfügbar. Videoszenen der Höhepunkte, Gastronomie-Informationen, wo befinden sich die Toiletten oder andere Einrichtungen hier im Stadion? Und alle Spielstatistiken. All das findet man auch auf unserer Webseite im Internet. Aber die Informationen sollen auch hier vor Ort verfügbar sein. Wenn jemand im Internet surfen oder seine E-Mails abrufen will, dann hat er die Möglichkeit dazu. Aber niemandem wird es aufgedrängt. WLAN macht es möglich, dass Sie ins Stadion gehen und das Spiel so erleben wie Sie wollen.

Denken Sie, dass die Fans in Zukunft ohne Geldbeutel ins Stadion kommen können? Dass Bezahlungsvorgänge automatisiert werden – über Kioske oder direkt vom Sitzplatz aus? Sie sagen zwar, dass die meisten Leute diesen Service nicht in Anspruch nehmen. Aber denken Sie nicht, dass es zwangsläufig so kommen wird? So wie Jet Blue einen Bildschirm auf jedem Sitzplatz montiert hat.

Ja, davon bin ich überzeugt. Es ist nur eine Frage der Zeit. Wir haben diese Vision schon seit 2002. Ich habe mich in anderen Stadien umgeschaut. Ich war sowohl national als auch international unterwegs, um Ideen zu sammeln. Am meisten beeindruckt war ich in Deutschland von der „Arena auf Schalke“. Dieses Stadion ist eine komplett bargeldlose Einrichtung. Es ist schon sehr schwer ein Stadion zu bauen. Es aber nachträglich mit dieser Möglichkeit auszustatten, ist eine wirkliche Herausforderung. Die Fans sind es gewöhnt, dass sie mit Bargeld bezahlen können: „Wie meinen Sie das, Sie nehmen kein Bargeld?“ Unser Ziel ist ein Stadion ohne Bargeld und ohne Eintrittskarten.

Das ist der erste Schritt. Sie allerdings reden von einem Stadion, in dem man nicht einmal seinen Geldbeutel braucht. Auch das wird kommen. Aber zunächst wollen wir erstmal die Variante ohne Bargeld und ohne Eintrittskarte erreichen. Wir verwenden dabei die neue kontaktlose Kreditkarte von Visa. Zu den All-Star-Spielen in diesem Jahr werden alle Essensstände mit Kartenlesern ausgestattet sein. Allerdings ist das wie mit der Frage: Was war zuerst da – das Huhn oder das Ei? Denn kaum ein Fan hat diese kontaktlose Karte. Aber selbst mit dieser Chipkarte hat man immer noch seinen Geldbeutel dabei. Man muss ihn jedoch nur vor das Kartenlesegerät führen. Das ist alles. Dies ist der erste Schritt. In Zukunft könnte aber auch Biometrie eingesetzt werden. Aber soweit sind wir noch nicht. Man wird zwar immer noch seinen Geldbeutel benötigen, muss aber kein Bargeld und keine Eintrittskarte dabei haben. Vielleicht erledigt man ja eines Tages alles mit seinem Fingerabdruck.

Zum Thema Eintrittskarten: Sie betreiben eine Online-Ticketbörse, wo man Karten kaufen, tauschen oder wieder verkaufen kann. Ich halte das für eine sehr gute Idee. Dauerkartenbesitzer können so Ihre Tickets wieder loswerden…

Stimmt. Das war uns sehr wichtig. Vorher spielten wir im weitaus größeren Candlestick Park Stadion. Daher war uns klar, dass wir im neuen Stadion jeden Tag ausverkauft sein werden. Auch wollten wir keine Zwischenlösungen mehr. Entweder man kaufte ein Ticket für die komplette Saison oder für ein einzelnes Spiel. Allerdings können wir mit einer Kapazität von 40.000 Sitzplätzen nur noch 28.000 Saisonkarten anbieten. Die restlichen 12.000 Karten müssen wir für Spitzenspiele der Liga oder dem Gästeteam bereitstellen. Etwa bei den World Series oder dem All-Star-Spiel. Wir haben alle Saisonkarten verkauft. Allerdings gehen nur die wenigsten Fans in jedes Spiel. Daher wollten wir ihnen den Weiterverkauf vereinfachen, damit die Karte nicht ungenutzt bleibt. Wir wollten unseren Fans die Weitergabe der Tickets erleichtern. Allerdings gab es so etwas noch nicht im Jahr 2000. Wir haben also die erste Online-Ticketbörse im Unterhaltungssektor geschaffen. Das war sehr riskant, da die meisten Ticketverkäufer befürchteten, dass sie dadurch weniger Einzeltickets verkaufen würden. Uns waren jedoch unsere besten Kunden, die Saisonkartenbesitzer, wichtiger. Auch wenn wir dadurch Verluste im Einzelticketverkauf machen, wollen wir lieber unseren Saisonkartenkunden erlauben, ihre Tickets weiterzuverkaufen. Also haben wir im Jahr 2000 diesen Geschäftszweig gegründet. Mittlerweile ist es ein Milliardengeschäft: Jedes Sport-Team, jede Konzertveranstaltung und so weiter nimmt diesen Online-Secondhand-Markt in Anspruch. Wir nennen es den doppelten Ticketschalter. Wir verkaufen jedes Jahr über 100.000 Tickets an unsere besten Kunden, und geben ihnen wieder fünf Millionen Dollar zurück. Damit kommen sie aber im nächsten Jahr gerne wieder.

Zudem haben wir das Ticket-Weitergabesystem entwickelt. Damit können die Fans ihr Ticket sehr einfach einem Freund schicken, anstatt die Karte zu verkaufen. Sie müssen sich nicht mehr an der Willie Mays Statue zur Ticketübergabe treffen.

Ja das kenn ich. Sie erwähnten vorhin die Technik als Wettbewerbsvorteil. Das ist sicherlich auch ein wichtiges Thema auf dem Spielfeld. Wie nutzen Sie die Technik für die Spieler und Trainer?

Hier muss man zwei Bereiche unterscheiden. Zum einen geht es um unsere Spieler und ihre Leistungssteigerung. Dann gibt es Neuzugänge. Hier muss man analysieren, wer ins Team passt. Wir haben Systeme, die beides unterstützen. Wenn man zurückblickt ins Jahr 2000, dann hat fast jedes Baseballteam für die Spieleranalyse VHS-Videorekorder benutzt. Man spulte vor und zurück, drückte auf Standbild oder schaute sich in halber Geschwindigkeit bestimmte Szenen an. Damals waren wir eines der ersten Teams, die auf digitale Videotechnik umstiegen. Vor sieben Jahren kauften wir ein 4 TByte großes DVD-Wechselsystem. Damals eine Rieseninvestition. Die Technik hat sich seitdem enorm weiterentwickelt. Im ersten Jahr hatten wir hier im Stadion ein System, um unsere Spieler zu bewerten und ihre Leistung zu verbessern. Dieses Jahr, 2007 wurde dieser DVD-Wechsler auf der Anzeigeplattform Craigslist verkauft und steht nun in einem Wohnzimmer voll mit privaten DVDs. Für uns war es im Prinzip wie ein Festplattenspeicher.

Sie ließen die Daten nicht drauf?

Nein, die Daten wollten wir nicht aus der Hand geben. Jetzt haben wir für die Datenspeicherung ein Storage Area Network. Unsere Datenmenge bewegt sich auf die 20 TByte zu. Die Techniken der Datenkomprimierung haben sich sehr stark verbessert. Somit stieg auch die Qualität der Videos. Wir benutzen das System hier im Stadion. Es wird aber auch zum Management unserer Teams der Minor-League verwendet. So wie andere Teams setzen wir das System auch auswärts ein. Es hat sich enorm weiterentwickelt, aber im Wettbewerb muss man immer einen Schritt voraus sein. Daher versuchen wir jedes Jahr die Videoanalyse zu verbessern. Das alles ist für die Entwicklung der Spieler wichtig.

Für die Suche nach neuen Spielern haben wir ein eigenes System entwickelt. Wir denken, dass wir auch damit bei der Bewertung von Talenten einen Wettbewerbsvorteil haben.

Was ist das für ein System? Eine Datenbank, die fortlaufend mit neuen Informationen gefüllt wird?

Ja, eine Datenbank, deren Datenbestand von unseren Talentsuchern oder den Trainern der Minor-League aktualisiert wird. Alle Informationen werden zentral gesammelt. Unsere Mitarbeiter können auf die Daten zugreifen, damit Bericht erstatten oder Entscheidungen treffen, wenn es um den Wechsel von Amateuren geht. Auch werden diese Infos benötigt, wenn bei Neuerwerbungen verhandelt werden muss. Wir unterscheiden uns hier nicht von anderen Teams. Jedoch haben wir mehrere Systeme. Unser Talentsuche-System ist darauf ausgelegt, den General Manager mit Informationen zu versorgen, damit er beim Spielertransfer die richtige Entscheidung treffen kann. Unser Videosystem ist darauf ausgelegt, unseren Spielern und Trainern bei der Vorbereitung für das nächste Spiel zu helfen. Anhand der Videos kann man sehen, wie ein Spieler in früheren Begegnungen geworfen hat. Damit kann man erahnen, wie er im nächsten Spiel werfen wird. Es spielt eine wesentliche Rolle, wer zu welchem Zeitpunkt am Homeplate spielen soll. Wenn Richard zur Homeplate geht, weiß er wie Randy Johnson werfen wird. Dank der Videoanalyse weiß Rich, wie Randy Johnson in den letzten Partien gespielt hat. Und er weiß, wie Randy bisher gegen ihn geworfen hat. Natürlich kann das auch eine zu hohe Informationsfülle sein. Jeder Spieler nutzt die Analyse unterschiedlich stark. Einige Spieler sind ununterbrochen vor dem Videosystem, und die Trainer müssen Sie regelrecht aufs Spielfeld zerren, um dort daran zu arbeiten. Bei anderen Spielern müssen die Trainer auf die Analyse hinweisen. Jeder Spieler hat einen unterschiedlichen Toleranzlevel. Für die Spieler sind Analysen auf dem Spielfeld möglich. Die meisten Trainer lehnen dies jedoch ab. Sie haben ihre Hausaufgaben gemacht und sind gut vorbereitet. All das ist während des Spiels in ihren Köpfen. Ihre Entscheidungen treffen sie meist aus dem Bauch heraus.

Also gehört der Computer nicht auf die Spielerbank wie der Kautabak?

Bis jetzt nicht. Computer sind noch nicht Teil des Geschehens. Ob sich das ändern wird? Möglich wäre das. Alles entwickelt sich ja weiter. Aber ich sage, es wird gesellschaftlich nicht akzeptiert werden, wenn der Trainer mit Tablet-PC am Spielfeldrand umherläuft.

Vielen Dank für das Gespräch.

Es war ein Vergnügen.

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