Microsoft-Urteil: Es geht nicht um Bußgelder

Die EU hat Microsoft zur Zahlung von saftigen Bußgeldern verdonnert – und erntete dafür viel Kritik. Zu Unrecht, findet ZDNet-Kommentator Hermann Gfaller.

Die EU-Kommission hat sich ohne Not angreifbar gemacht. Die jetzt gegen Microsoft verhängte Strafe von 280,5 Millionen Euro und die Androhung weiterer Bußgelder erfolgten ein paar Tage zu früh. Diese Maßnahme hat eine Reihe von Kommentatoren veranlasst, Microsoft zu verteidigen. Dabei gerät ihnen jedoch das Ziel des Verfahrens aus dem Blick.

„Keine Firma steht über dem Gesetz“, begründete EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes die erneute Verurteilung von Microsoft. Tatsächlich hat der Softwarekonzern aus Redmond bislang andere Erfahrungen gemacht. Die meisten der zahlreichen Kläger haben längst aufgegeben und sich mit den einst angeprangerten Methoden arrangiert, wenn sie sie nicht sogar adaptierten. So wird in IT-Unternehmen das Beharren der EU-Kommission auf freien Marktzugang für alle zunehmend als Hetzjagd nicht nur gegen Microsoft, sondern gegen die ganze Branche empfunden.

Sollen sich die Juristen darüber streiten, ob Microsoft sich der Verurteilung beugen muss, solange das Berufungsverfahren noch läuft. Ungeschickt ist es von der EU-Kommission auf alle Fälle, mit dem Bußgeld für die Nicht-Einhaltung nicht bis zum 24. Juli gewartet zu haben. Verständlich ist die Eile jedoch, schließlich wurde Microsoft bereits im März 2004 verurteilt. Seither hat das Unternehmen sein Geschäftsgebaren nicht verändert und zeigte sich zudem in sechs Klärungsterminen nicht in der Lage, die eigenen Schnittstellen in verständlicher Form zu dokumentieren – obwohl daran derzeit angeblich 300 Mitarbeiter arbeiten. Daraus ließe sich schließen, wie die Free Software Foundation das etwas hämisch tut, dass Microsoft den eigenen Sourcecode einer Software nicht versteht, die die Anwendungen auf 95 Prozent aller PCs in der Welt steuert.

Eine düstere Vorstellung, denn falls Microsoft sein Betriebssystem tatsächlichen nicht kennt, müssten Regeln wie Sarbanes-Oxley oder Basel 2 greifen. Sprich: Mangels nachweisbarer Softwarequalität verlören in den USA alle Windows-Anwenderunternehmen (inklusive Microsoft) ihre Börsenzulassung und in Europa verteuerten sich schlagartig alle Kredite. Die Unternehmen würden Microsoft für diese Schäden haftbar machen und mit Schadenersatzklagen in einer Höhe überziehen, im Vergleich zu denen die EU-Bußgelder wie knickrige Trinkgelder wirken.

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1 Kommentar zu Microsoft-Urteil: Es geht nicht um Bußgelder

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  • Am 24. Juli 2006 um 16:43 von Christoph

    Interessaner Artikel, doch leider sehr polemisch!
    Interessane Meinung, aber teilweise sehr polemisch.

    Wie kann man sich anmaßend, das Gutachten von OVUM mit nur einer Aussage komplett für nichtig zu erklären: Die haben das nur gesagt, weil … In vielen Punkten haben sie einfach Recht. Wie kann man eine Strafe aussprechen, indem man einen ausgemachten Zeitplan einfach ignoriert? Die EU darf also Absprachen brechen.

    Besonders lustig finde ich auch, wie versucht wird, MS als Ursache/Ursprung für erpresserischen Umgang mit Zulieferern und Mitbewerbern darzustellen. Sehr dünn und einseitig, zumalen fehlen hier die Belege.

    Besonders unpassend und auch unwahr finde ich die pauschale Behauptung, das Geschäftsmodell von MS würde nur auf Ausnutzung des Monopols hinauslaufen. Als ob alle Erfolge seitens MS nur durch illegale Aktionen erreicht worden wären. Beim IE mag es stimmen, es sollte aber auch erwähnt werden, dass Netscape es ihnen durch ein schlechtes Produkt sehr einfach gemacht haben. Komischerweise hat sich der Mediaplayer bis heute nicht durchsetzen können, obwohl er kostenlos zwangsweise überall mit drauf ist. Mir sollte der Herr Gfaller mal andere Produkte aufzählen, die erst erfolgreich wurden durch kostenlose Zwangsinstallation.
    Ich möchte hier nicht behaupten, dass MS in einigen Fällen nie so gehandelt hat, die hier unterstellte Verallgemeinerung ist einfach faktisch falsch.

    Natürlich darf jeder seine Meinung haben, nur wenn jemand diese als Fachmann über eine ZDNET Plattform verbreitet, sollte man sich seiner Verantwortung bewusst sein und somit weniger hetzerisch auftreten.

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