Colt bietet europaweite Telefondienste über das Internet an

Unternehmen will Marktanteil von zehn Prozent binnen drei Jahren

Die britische Telekommunikationsgesellschaft Colt Telecom hat gestern den Startschuss für europaweite Telefoniedienste über das Internet gegeben. Geschäftskunden können ab sofort in allen 13 europäischen Ländern, in denen Colt Telecom aktiv ist, zu einem Pauschalpreis nach den Regeln des Internet telefonieren. Von diesem Angebot erhofft sich das Unternehmen, das bislang Verluste einfährt, bereits im zweiten Halbjahr bessere Ergebnisse.

In den nächsten drei Jahren will Colt Telecom einen Anteil von bis zu zehn Prozent auf dem Markt für Internettelefonie erreichen und damit zusätzliche Umsätze von 100 Millionen Euro, sagte Konzernchef Jean-Yves Charlier gestern in München. Das neue Produkt werde auch der operativen Gewinnmarge des Konzerns auf die Sprünge helfen. Colt setzte vergangenen Jahr etwa 1,7 Milliarden Euro um. Preisverfall und enormer Margendruck bei traditionellen Telekom- und Datendiensten ließen aber die operativen Gewinne einbrechen. Daher braucht das Unternehmen laut Analysten dringend neue höhermargige Produkte wie Internet-Telefonie-Services. Colt zählt im Geschäft mit Firmenkunden zu den größten Konkurrenten der ehemals staatlichen Telekommonopolisten wie der Deutschen Telekom.

Internet-Telefonie-Dienste gehören derzeit zu den am stärksten wachsenden Telekommunikationsprodukten. Das Marktforschungsunternehmen Ovum prognostiziert, dass das Marktvolumen in Westeuropa im Jahr 2008 auf 1,4 Milliarden Dollar steigen wird – von knapp 200 Millionen Dollar in diesem Jahr. Internet-Telefonie – im Fachjargon Voice over Internet Protocol genannt – ist seit Jahren im Gespräch, konnte aber lange Zeit auf Grund technischer Probleme nicht überzeugen. Bei diesem Verfahren wird Sprache per Software in Bits und Bytes aufgelöst, in Datenpakete verpackt und über dasselbe Netz geschickt wie alle anderen Daten. Bei der klassischen Telefonie wird dagegen zwischen den Gesprächspartnern eine Leitung geschaltet, die das ganze Telefonat über bestehen bleibt – auch bei Sprachpausen. Im Vergleich dazu ist das Telefonieren über das Internet effizienter.

Das ist vor allem für Unternehmen interessant, die dadurch ihre Telefonie-Kosten nach Analystenschätzungen um mehr als 20 Prozent senken können. Sie brauchen künftig nur noch ein Netz – bisher mussten sie separate Netze für Daten und Telefonie unterhalten. In einem ersten Schritt haben bereits zahlreiche Unternehmen ihre interne Kommunikation auf die Internet-Telefonie umgestellt. Jetzt sei die zweite und entscheidende Stufe erreicht. „Die Unternehmen gehen das Thema Internet-Telefonie jetzt ganz konkret über die interne Kommunikation hinaus an“, sagt Ariane Afrough, Analystin bei der Marktforschungsgesellschaft IDC. Den entscheidenden Anstoß dazu geben die Telekomnetzbetreiber, die ihre Infrastruktur auf Internet-Telefonie umrüsten. Colt investierte bereits einen zweistelligen Millionenbetrag. Die entsprechende Technik lieferte Siemens.

Um auf Internet-Telefonie umzusteigen, müssen auch die Unternehmen in Server und Telefongeräte investieren. Colt bietet ihren Kunden die Möglichkeit, diese Infrastruktur ebenfalls zu einem Pauschaltarif zu mieten, um die Hürden so gering wie möglich zu halten. Die Pauschale für Telefongespräche über das Internet deckt bislang nur Telefonate im Festnetz ab. In den nächsten Monaten will das Unternehmen diese Pauschale auf Gespräche ins Mobilfunknetz ausweiten.

Experten der Marktforschungsgesellschaft Forrester erwarten, dass frühstens im Jahr 2008 die Mehrheit der westeuropäischen Unternehmen ihren Telefongespräche über das Internet abwickelt. Im Privatkundenmarkt wird diese Entwicklung wohl länger dauern, da dort die Motivation, über das Internet zu telefonieren, auf Grund der ohnehin schon niedrigen Preise als gering eingeschätzt wird. Unternehmen sparen dagegen nicht nur bei den reinen Gesprächskosten, sondern auch bei den Ausgaben für Betrieb und Wartung ihrer Telefonanlagen.

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