Retek-Übernahme: SAP-Chef bleibt gelassen

"So ist das eben, wenn jemand mehr bietet"

Dafür, dass Henning Kagermann gerade eine Schlacht verloren hatte, gab er sich reichlich entspannt. „So ist das eben, wenn jemand mehr bietet“, sagte der Chef des deutschen Softwarekonzerns Anfang der vergangenen Woche achselzuckend. Nachts zuvor hatte sein Erzkonkurrent, Oracle-Boss Larry Ellison, Kagermanns „endgültiges und letztes“ Gebot im Kampf um den US-Anbieter Retek um 25 Cent überboten und gewonnen. Retek ist spezialisiert auf Software für die Handelsbranche. „Wir haben bereits eine eigene Lösung. Die erweitern wir nun eben aus eigener Kraft“, sagte Kagermann ungerührt.

Zur Gelassenheit hat der SAP-Chef allen Grund. In Wahrheit war es der stets freundlich lächelnde und mit sanftem Stimmklang recht besonnen und ein wenig bieder daherkommende Kagermann, der dem Heißsporn Ellison die begehrte Firma Retek fast vor der Nase weggeschnappt hätte – und am Ende den Preis kräftig in die Höhe trieb.

Als der Bieterkampf begann, schienen die Rollen klar verteilt: Hier der deutsche Weltmarktführer für Unternehmenssoftware; an der Spitze der nüchtern und sachlich, ja bisweilen gar spröde wirkende Kagermann, von Haus aus Professor der Theoretischen Physik, der gerne in den Bergen wandert. Dort der US-Widersacher Oracle mit seinem aggressiven und charismatischen Lenker Ellison am Steuer (Hobbys: Hochseesegeln und Militärjets), der grelles Marketing zur Chefsache und zum Grundpfeiler seines Geschäfts gemacht hat. Es schien natürlich, dass Alphamännchen Ellison vor Wut kochte, als Leisetreter Kagermann mit seinem Retek-Gebot in Oracles Terrain wildern wollte. Der Kampf um Retek sah nach einem Prestigeduell aus.

Das war er mitnichten. Denn wie Ellison Anfang März nach SAPs erstem Retek-Gebot kleinlaut eingestehen musste, hatten Oracle und Retek bereits im Oktober 2004 über eine Übernahme verhandelt. Aus dem Deal wurde aber nichts, da Oracle „zu stark abgelenkt“ gewesen sei – schließlich war Ellison da noch in die Übernahmeschlacht um den Konkurrenten Peoplesoft verstrickt, die er erst vor wenigen Monaten gewann.

Diese Situation nutzte Henning Kagermann eiskalt aus, um Ellison zu überrumpeln. „Während Oracle acht Monate benötigte, um festzustellen, dass Retek ein lohnender Zukauf wäre, hat SAP binnen 30 Tagen sein erstes Übernahmeangebot abgegeben“, sagt ein mit den Abläufen Vertauter, der ungenannt bleiben will. Auch wenn SAP die Verhandlungen nicht kommentiert, wundert dieser Verlauf nicht: Immerhin hat Kagermann selbst gehörig zur Verkaufsbereitschaft bei Retek beigetragen. So hat SAP 2004 in Sachen Handel mächtig Druck gemacht und mehrere große Aufträge gegen Retek und andere Spezialanbieter gewonnen, zum Beispiel beim US-Bekleidungskonzern Limited Brands mit der bekannten Dessousmarke Victoria´s Secret. „Retek hat daraufhin die Zeichen der Zeit erkannt und einen Käufer gesucht, bevor das Dach einstürzt“, heißt es in Branchenkreisen.

Da musste Ellison gegenhalten, koste es, was es wolle – und gegen seine erklärte Absicht: „Wir hätten den Deal lieber nicht zu diesem Zeitpunkt durchgezogen“, sagte Ellison nach dem Pyrhussieg über SAP. „Oracle benötigt Retek stärker als SAP, die bereits eine starke Handelslösung haben“, so David Bradshaw, Chefanalyst beim britischen Marktbeobachter Ovum. Reteks Software passt zudem technisch viel besser zu Oracle. Vier von fünf Retek-Kunden nutzen bereits heute Oracle-Datenbanken.

Kagermann zwang Ellison zuzugreifen – und kann sich als heimlicher Sieger fühlen. „SAP hat Oracle dazu gebracht, zu viel zu zahlen“, sagt Bruce Richardson, Analyst beim US-Beratungshaus AMR Resarch. In der Tat sind 630 Millionen Dollar für ein Unternehmen mit einem Umsatz von 174 Millionen Dollar und praktisch ohne Gewinn eine stolze Summe. Dass Kagermann nur für Retek geboten habe, um den Preis in die Höhe zu treiben, weist man bei SAP zwar weit von sich: „Das wäre weder SAPs noch Kagermanns Stil“, heißt es in Walldorf. Dort kann man die vermeintliche Niederlage dennoch still genießen: „Oracle ist nun erst einmal mit der Integration seiner milliardenschweren Übernahmen beschäftigt“, sagt Ovum-Mann Bradshaw.

Zufrieden zurücklehnen will sich Kagermann dennoch nicht. So peilt er bereits weitere Zukäufe an. Ausreichend Gelegenheit also für weitere Duelle mit Ellison. Auch die Analysten der Schweizer Investmentbank CSFB glauben, dass sich Oracle und SAP bald auf weiteren Einkaufstouren begegnen – und haben eine Liste interessanter Übernahmeziele parat: JDA für Handelssoftware, Manugistics im Segment Logistik, Temenos für Finanzsoftware, Sage und Lawson im Mittelstandssegment sowie Epiphany für Analysesoftware – alles sehr attraktive Ziele, denn sie sind deutlich niedriger bewertet als der Kaufpreis von Retek.

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