Viren bedrohen Autoelektronik

Elektronik-Ausfälle sind schon Pannenursache Nummer eins

Die Autohersteller stecken in der Chip-Falle. Auf der einen Seite sind sie gezwungen immer mehr elektronische Systeme zu entwickeln, um das Auto sicherer und komfortabler zu machen. Andererseits steigt damit auch die Zahl der möglichen Fehlerquellen. Schon heute gelten Elektronik-Ausfälle bei allen Autoherstellern als Pannenursache Nummer eins.

Jetzt stehen die Automobilhersteller vor einem weiterem Problem: die digitale Sicherheit der elektronischen Steuergeräte. In seinem neuesten Bericht warnt der Security Intelligence Services von IBM: Das nächste Angriffsziel von Viren ist das Auto.

„Die Autohersteller haben das Thema IT-Sicherheit lange Zeit unterschätzt“, sagt Andreas Burkert vom Branchenmagazin Automobil-Elektronik. So gebe es für den Can-Bus, der die einzelnen Steuergeräte im Auto miteinander vernetzt, bisher keine IT-Sicherheitsstrategie. Daher können Hacker vorhandene Schwachstellen nutzen, um Leistungsdaten zu verändern (Chip-Tuning) oder den Kilometerstand zu fälschen. Noch ist die Hürde dafür relativ hoch: Zugriff auf die Fahrzeugelektronik hat nur, wer sich mit der eingebetteten Software im Auto auskennt und per Laptop eine direkten Verbindung zur Schnittstelle im Motorraum herstellt. Doch wenn es nach den Plänen der Autoindustrie geht, könnte sich das bald ändern.

„Ich will per Tastendruck den Ferrari-Sound auf meinen Kleinwagen laden“, sagt Tom Groth, Chefvisionär von Sun Microsystems. Eine verrückte Vision? Keineswegs. Automobilhersteller und -zulieferer denken darüber nach, wie sie zusätzliche Funktionen im Auto per Software an die Kunden verkaufen können. Per Mausklick ließe sich dann das Fahrzeug den Vorlieben des Besitzers anpassen. Autofahrer könnten so zum Beispiel für das Wochenende oder die Fahrt in die Berge zusätzliche PS über den Heimcomputer nachtanken.

„Künftig wird es möglich sein, per Software Funktionen ins Auto zu übertragen, an die wir heute noch gar nicht denken“, sagt Elektronik-Experte Burkert. So ist es vorstellbar, nicht nur die Motorleistung zu steigern, sondern auch die Fahrwerkseinstellungen und den Motorsound zu verändern oder die Fahrleistungen für eine günstigere Versicherungseinstufung zu drosseln. Burkert: „Für die Automobilindustrie wird dies künftig von größtem Interesse sein – spätestens wenn die Daten einen Geldwert darstellen.“

Davon ist auch Christof Paar überzeugt. „Da eröffnen sich für die Fahrzeugindustrie ganz neue Geschäftsmodell“, sagt der Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationssicherheit an der Ruhr-Universität Bochum und Geschäftsführer der Escrypt GmbH, einer auf Sicherheit im Automobil spezialisierten Beratungsfirma. Voraussetzung sei allerdings, „die Daten sind sicher vor unbefugtem Zugriff“, sagt Paar. Aber genau das ist eben noch nicht der Fall, wie Sicherheits-Analysen seiner Beraterfirma ergaben. Schon heute könne man Software einschleusen, die Fehlfunktionen im Bordcomputer oder ABS auslösen oder sensible Daten auslesen, um herauszufinden wie die neueste Einspritzpumpe funktioniert.

Damit jeder Autofahrer die neuen digitalen Dienste nutzen kann, müssen die Automobilhersteller den Zugang zu den elektronischen Systemen im Auto öffnen und einen zusätzlichen Übertragungskanal einrichten. Dies könnte zum Beispiel über eine drahtlose Anbindung des Bordcomputers an das Handy oder den PDA geschehen. „Spätestens damit wächst aber auch die Gefahr, dass Dritte noch leichter unberechtigten Zugang bekommen oder dass schädliche Software ausgetauscht wird, die von Viren befallen ist“, warnt Paar. Automobilhersteller wie Zulieferer müssten künftig schon in der Planungsphase Sicherheitsfunktion integrieren, um das zu verhindern.

Dies könne wie beim PC zu Hause über ein sicheres Betriebsystem mit Firewall und Virenschutzprogramm geschehen. Darüber hin-aus eignen sich Signaturen und kryptologische Verfahren wie sie im Internet oder der Bankenwelt etabliert sind. Vorhandene Lösungen ließen sich in vielen Fällen an die Fahrzeug-Architektur anpassen. Doch zunächst müssten die Autohersteller noch das nötige Know-how dafür entwickeln, sagt Paar. Dieser Prozess habe bereits begonnen. Die Firma Escrypt habe derzeit sehr viele Anfragen dazu von Automobilherstellern sowie den Zulieferern.

Fanden Sie diesen Artikel nützlich?
Content Loading ...
Whitepaper

ZDNet für mobile Geräte
ZDNet-App für Android herunterladen Lesen Sie ZDNet-Artikel in Google Currents ZDNet-App für iOS

Artikel empfehlen:

Neueste Kommentare 

3 Kommentare zu Viren bedrohen Autoelektronik

Kommentar hinzufügen
  • Am 2. März 2005 um 19:24 von Mus Musculus

    Ist das alles wirklich notwendig?
    Was für ein – man verzeihe mir diesen Ausdruck – Bullshit!
    Wozu braucht der normale Autofahrer ein Programm, welches mehr PS oder andere Fahrgeräusche bringt? Man frage sich, ob es nicht sinnvoller wäre, mit hochwertigerer Verarbeitung oder weniger Verbrauch durch Einsparung diverser Spielereien (und damit Gewicht) zu glänzen? Warum wird nicht das Geld, welches nun für IT-Sicherheit rausgeworfen werden wird, in die Entwicklung alternativer Antriebskonzepte gesteckt?
    Nicht alles, was technisch machbar ist, muss unbedingt auch genutzt werden. Die meisten Menschen sind schon heute vollkommen mit der Technik überfordert. Man sollte nie vergessen, dass das Auto eigentlich nur ein Mittel zur Fortbewegung ist und kein Spielzeug.

  • Am 2. März 2005 um 21:41 von PS Autofreak

    Ist das alls nötig
    Ich stimme dem Kommentar voll zu. Auch ich wundere mich z. B. über Autos mit 300 PS und mehr, obwohl man damit, wie am Sonntag in AMS TV gesendet bei 100 PS Unterschied über 560 km von Düsseldorf nach Berlin gerade mal 7 Minuten schneller sein konnte. Die Autos werden wie Kameras, Computer und anderes Spielzeug. Es gilt dann die 20 zu 80 Regel. soll heißen 80 % der User, vulgo Autofahrer nutzen nur 20% der "Möglichkeiten" und umgekehrt. Die 80% zahlen aber die ganzen Entwicklungskosten für die "Produkte" zur Befriedung des Spieltriebs der anderen 20%. Die Masse mus es nähmlich bringen. Ich denke z.B. dass alle Golf-Käufer das teure "Spielzeug" Phaeton subventionieren. Davon werden einfach zu wenig gebaut/verkauft um alleine rentabel zu sein.

  • Am 16. Juli 2007 um 9:46 von Christine

    Virologisches in Dresden
    Es gibt Momente, die haben so eine eigenwillige Dramatik, dass ich Drehbücher wittere. Es war im Januar 2002. Im Radio lief die Witt´sche Flutankündigung. Ich fuhr mit meinem Citroen ins Ampelgrün. Gänsehautbestückt in der verschneiten Mittagssonne. Gleichzeitig mit mir hatten alle anderen Fahrtrichtungen Grün. Es krachte. Das Ampelgrün ließ sich nur durch Zeugen nachweisen. Ich war die Einzige, die einen Zeugen hatte. 600 Euro war der Zeitwert meines Autos, das Sekunden später Totalschrott war. Monate später kam die Flut. Es war Zufall. Ich war nur dabei. Kurz vorher war an dem guten Stück die gesamte Elektronik ausgefallen. Mitten auf dem Blauen Wunder war es stehengeblieben. Inzwischen ist es Pressmasse.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *