EU nach wie vor ohne Heimat im Netz

Ein paar Monate mehr oder weniger machen den Braten jetzt auch nicht mehr fett"

Mit den Jahren ist Markus Eggensperger vorsichtig geworden. Wetten würde er nicht, und mit Voraussagen hält er sich zurück. Zu oft wurden Starttermine für die europäische Internet-Domäne „.eu“ schon verschoben. Ja, er sei optimistisch, dass es Ende des Jahres losgeht, aber: „Eine Wahrscheinlichkeitsprognose möchte ich nicht abgeben“, sagt er süffisant.

Eggensperger ist Vorstand beim Internet-Dienstleister United Domains in Starnberg bei München. Sein Unternehmen registriert Adressen im Netz, Wunschname plus Länderkürzel. Was darf es sein: der Klassiker „.de“ für Deutschland oder lieber was Exotisches wie „.in“ für Indien? Alles sofort erhältlich, nur eine Internet-Adress-Endung noch nicht: „.eu“ für Europa. Sie blieb stecken im Brüsseler Bürokratiesumpf.

Wer einen Beweis braucht, dass in Europa beim Thema Technologieförderung Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander klaffen, der braucht sich nur das endlose Gezerre um „.eu“ vor Augen zu führen. Die Idee für Europas eigene Heimat im Netz stammt bereits aus dem Jahr 1996. Der zuständige Kommissar hieß damals Martin Bangemann. Erste Schritte folgten 2000: Brüssel hörte Experten, eröffnete Diskussionsrunden, die Internet-Wirtschaft durfte Vorschläge machen. Und die Kommission tat hochtrabende Absichten kund: Man wolle mit der Internetdomäne „.eu“ die europäische Identität fördern und „die Nutzung des Internets und des elektronischen Handels in Europa stärken“. Klingt wie die oft diskutierte Lissabon-Strategie, mit der Brüssel das Wachstum in Europa anfeuern wollte – nur in klein und für´s Internet.

Im Hintergrund stritten die Mitgliedsstaaten lange um die richtige Linie: Wie freizügig sollen Internetdomänen unter „.eu“ vergeben werden? Traditionell der Regulierung zugeneigte Staaten wie Frankreich wollten die Vergabepolitik eher restriktiv handhaben. Briten und Deutsche pochten hingegen auf eine liberalere Praxis – keine komplizierten Anträge, keine langwierigen Überprüfungen des Antragstellers – wer eine Domain will, bekommt sie. Mit dieser Praxis wurde die deutsche Endung .de das weltweit erfolgreichste Länderkürzel.

Auch „.eu“ könnte im Netz ein Renner werden. Experten schätzen das Potenzial auf mehr als eine Million „.eu“-Adressen schon kurz nach der Einführung. Allein United Domains hat bereits mehrere hunderttausend Vormerkungen von Kunden verbucht. „Das Interesse ist riesig“, sagt Vorstand Eggensperger.

Letztlich durchgesetzt haben sich nach dem jahrelangen Streit die Verfechter einer freizügigen Vergabepraxis. Einzige wesentliche Einschränkung: Antragsteller müssen ihren Sitz in einem Mitgliedsland der EU haben.

Immerhin: Auch eine Registrierungsstelle hat Brüssel schon geschaffen. Die Kommission schloss einen Vertrag mit der Organisation Eurid, die die Internetadresse nun verwalten soll. Und wie schon so oft gibt es wieder einen Termin: Ende 2005 soll es endlich losgehen. Vielleicht wird es aber auch 2006. Eurid verhandelt noch mit der weltweit zuständigen Internet-Verwaltungsorganisation Icann. „Wir machen gute Fortschritte“, sagt Eurid-Projektmanagerin Fay Howard.

Das Ergebnis dieser Verhandlungen muss allerdings noch von der Kommission genehmigt werden – das kann dauern. „Ein paar Monate mehr oder weniger machen den Braten jetzt auch nicht mehr fett“, sagt Eggensperger.

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