IBM setzt in China auf Linux

Nationale Sicherheit steht im Vordergrund

IBM setzt in der Volksrepublik China auf lokale Software Entwicklung, Joint Venture Produktion und Linux-basierte Lösungsangebote für den Mittelstand. Damit soll die führende Rolle ausgebaut werden. In einem Gespräch mit „Handelsblatt.com“ erläuterte der für das Linux-Geschäft verantwortliche IBM-Manager die Gründe, warum Linux für die Volksrepublik China so wichtig ist.

Als wichtigste Frage sieht Meng in diesem Zusammenhang das Thema nationale Sicherheit. Nach seiner Einschätzung will die Zentralregierung in Peking auf keinen Fall in ihrer gesamten Verwaltungsorganisation von einem Betriebssystem abhängen, das sie nicht selbst kontrollieren kann. Da das von Linus Thorvald erfundene Linux einen „Open Source“ Code als Kernel nutzt, biete sich die Möglichkeit, von den Chinesen selbst kontrollierte Linux Varianten für verschiedene Einsatzfelder zu entwickeln.

Als zweiten Grund nannte der IBM-Manager den starken Nachholbedarf des Landes. Zwar sei die Volksrepublik in bestimmten Bereichen der Schwerindustrie und der Fertigung heute durchaus in der Weltliga führend. In anderen Industriebereichen dagegen – dazu gehört auch die Informationstechnik – hinke man noch stark hinter den vorrangig von den USA geprägten Weltstandards hinterher. Um sich hier rasch weiterzuentwickeln biete Linux ebenfalls deutlich bessere Chancen als andere Betriebssysteme mit ihren Lizenzgebühren. Angesichts des hohen Bedarfs spielen natürlich Lizenzkosten für Software eine enorme wichtige Rolle.

Da es der Zentralregierung in Peking daran gelegen sein muss, das in China weit verbreitete Kopieren und Fälschen von Lizenzprodukten aus aller Welt zu unterbinden, kann sie nicht selbst illegal kopierte Software auf breiter Basis einsetzen. Peking ist deshalb stark daran interessiert, auf Basis des freien Linux-Kernels eine eigene Softwareindustrie in der Volksrepublik aufzubauen, die auch stärker auf die kulturellen Notwendigkeiten (Zeichenschrift, unterschiedliche Denkweise) eingehen kann.

Als letzten Grund nannte Ming ein Programm, das sich mit den noch stark unterentwickelten großen Regionen im Westen Chinas beschäftigt. Zu diesem schwerwiegenden Thema des „digitalen Unterschieds“ (digital divide) gibt es in den politischen „Think Tanks“ von Peking Planspiele, in deren Mittelpunkt Netzwerkcomputer auf Linux Basis stehen. Diese Vision von vernetzten kleinen tragbaren Computern ist zwar Mitte der 90er Jahre im Silicon Valley gescheitert, könnte aber unter dem Motto „Computer für Chinas Westen“ eine völlig neue Bedeutung bekommen.

Die chinesische Regierung unterstützt Linux mit Nachdruck. Daher ist in der Volksrepublik um die Pinguin-Software bereits ein heftiger Wettkampf entbrannt, in dem nicht nur die großen Weltmarken IBM, HP, Sun, Oracle und SAP kräftig mitmischen wollen, sondern auch die amerikanischen Linux-Softwarehäuser Novell-Suse und Red Hat. Trotz umfangreichem, westlichem Engagement setzt die chinesische Zentralregierung primär auf einheimische Open-Source-Produkte. So erhalten die Softwareschmieden Red Flag, Cosix und Yangfan staatliche Fördergelder. Der größte staatliche Softwarehersteller Chinasoft konzentriert sich auf Linux-basierte E-Government-Lösungen.

Vom Trend zu lokaler chinesischer Software will auch Big Blue profitieren. IBM hat beispielsweise einen Vertrag mit Red Flag Linux abgeschlossen, demzufolge das chinesische Softwarehaus DB2 Express an sein Betriebssystem für Mittelständler anbinden will. Die auf Linux spezialisierte staatliche Softwareschmiede Red Flag wurde vor vier Jahren (Juni 2000) vom Software Research Institute der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und New Margin Venture Capital gegründet. Das Unternehmen entwickelt und vermarktet Desktop-, Server- und Embedded-Betriebssysteme auf Linux-Basis und ist derzeit der größte Linux-Distributor der Volksrepublik. IBM will zudem zehn Linux-Center im Umfeld wichtiger chinesischer Metropolen aufbauen, um die Entwicklung Linux basierter Lösungen mit lokalen Partnern zu fördern, erklärte Ming.

Linux könnte künftig auch bei dem gerade abgeschlossenen IBM-Lenovo-Deal sowie beim neuen Joint Venture mit dem Serverhersteller Great Wall Computer Group Corp. aus Shenzen eine große Rolle als Betriebssystem für Asien spielen. Die International Business Machines Corporation ist bereits seit 1986 in China aktiv. Anfang der 90er Jahre eröffnete Big Blue seine ersten Büros in Peking und Shanghai. Mit der weiteren Marktöffnung baute der amerikanische Computerkonzern seine Präsenz im Reich der Mitte systematisch aus. Die Geschäfte im Süden und Osten Chinas – wo Carrier und Automobilhersteller wichtige Kunden sind – werden von der Niederlassung in Shanghai aus gesteuert. Mit den Banken und Regierungsbehörden im Nordwesten des Riesenlandes arbeitet die Unternehmenszentrale in Peking.

Nach Aussagen des China General Managers Henry Chow ist ein Marktanteil von über 50 Prozent das erklärte Ziel von IBM in der Volksrepublik. Der weltgrößte Computerkonzern hat nach jüngsten Analysen von Marktforschern bereits einen Anteil von rund 44 Prozent im chinesischen Markt für Firmencomputer erreicht. Weltweit liegt diese Zahl bei 32 Prozent. Der zweitgrößte Wettbewerber im Servermarkt ist HP mit einem Anteil von 26 Prozent, gefolgt von Sun mit gut 12 Prozent, laut Einschätzung der Marktforscher von IDC.

Branchenexperten erwarten, dass China bis 2006 zum weltweit sechstgrößten Markt für Informationstechnologie avanciert und dann ein Marktvolumen von 35,3 Milliarden US-Dollar ausweisen wird. Mit einem jährlichen Wachstum von über 14 Prozent liegt China derzeit an der Spitze der weltweiten IT-Investitionen. Wachstumstreiber ist die hohe Nachfrage nach Software und Dienstleistungen. Insbesondere IT-Investitionen im Mittelstand werden nach Einschätzung von IBM in den kommenden zwei Jahren kräftig zulegen.

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