Kommentar: IT-Blues

Europa ist nicht viel mehr als ein Absatzgebiet für Hard- und Software aus den USA. Es gibt aber erste Anzeichen, dass der schwache deutsche Michel sich aufmacht, seine Rolle in der internationalen IT-Wirtschaft zu finden.

Seit rund fünf Jahren jammert die Wirtschaft über die Standortnachteile in Deutschland. Hohe Steuern und Lohnnebenkosten gelten als Hauptproblem. Das mag generell richtig sein. Darüber hinaus gibt es jedoch noch eine Reihe von Hürden, die zum Teil schon seit Jahrzehnten der hiesigen IT-Branche Probleme bereiten. Im Großen und Ganzen ist Europa, und mit ihm Deutschland, nicht viel mehr als ein Absatzgebiet für Hard- und Software aus den USA. Insofern liest sich die IT-Geschichte der vergangenen 50 Jahre wie das Protokoll eines lang anhaltenden aber vergeblichen Rückzugsgefechts.

Das Grundproblem bis heute: US-Unternehmen wachsen in einem riesigen Heimmarkt zu einer kritischen Größe heran, von der die meisten hiesigen Firmen nur träumen können. Diesseits des großen Teiches müssen sich die IT-Anbieter der ausländischen Konkurrenz bereits zu einem weit früheren Zeitpunkt stellen und werden – von solchen Auseinandersetzungen geschwächt – zu einem leichten Opfer der großen US-Konzerne. In der Tat haben sich die großen europäischen Konzerne so lange gegenseitig beharkt, bis Bull, ICL, Nixdorf und zuletzt Olivetti als eigenständige Firmen vom Markt verschwanden. Als Technologie-Konzerne von Rang haben nur Siemens und Philips überlebt, wobei letzterer die Rechner-Herstellung längst aufgeben hat.

Schon Anfang der 70er Jahre wurde die Gefahr der Zersplitterung klar erkannt. Der damalige Bundesforschungsminister Hans Matthöfer (SPD): „Wir als Regierung stehen vor der Frage, ob wir zusehen wollen, dass die gemeinsamen europäischen Interessen vom Markt gefegt werden; ob wir auf dem Gebiet der DV zu einer amerikanischen Kolonie werden wollen. (…) Nein! Wir sollten als Europäer in dieser Schlüsseltechnologie präsent sein.“ Mit diesen Worten setzte er sich für das europäische Unidata-Projekt ein. Das Schlagwort steht für einen von Philips Gloieilampen entwickelten Rechner, der gegen die US-Konkurrenz antreten sollte. Mit im Boot waren Siemens und die französische Compagnie Internationale pour L’Informatique (CII). Zu einer Beteiligung der zögerlichen Briten sollte es nicht mehr kommen, da die französische Regierung dem Projekt schon nach zwei Jahren die Unterstützung entzog. Daraufhin fiel die Gruppe auseinander.

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