Streit um Online-Journalismus

Deutschlands einzige Internet-Zeitung unter Beschuss

Einen offenen Schlagabtausch liefern sich derzeit die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Netzeitung, Deutschlands einzige Tageszeitung, die nur im Internet erscheint. Der Chefredakteur der Webpublikation, Michael Maier, hatte kürzlich stolz verkündet, die magische Millionengrenze bei der Leserzahl überschritten zu haben, ein Zuwachs von 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Seine Netzeitung habe den Break-even zu Jahreswechsel erreicht und betreibe mit der Bundesagentur für Arbeit den größten Stellenmarkt im deutschen Sprachraum.

Die FAZ am Sonntag warf dem Netzeitungsmacher nun in ungewöhnlich scharfer Weise vor, mit unterbezahlten „Tagelöhnern“ Journalismus zu simulieren, auf wichtige Nachrichtenagenturen zu verzichten und den Break-even nur mit abenteuerlicher Zahlenakrobatik zu schaffen.

Maier widerspricht den Vorwürfen energisch, bleibt aber vage. „50 regelmäßige journalistische Mitarbeiter“ stünden der Netzeitung zur Verfügung, kein Wort darüber, zu welchen Bedingungen. Gleiches gilt zum Break-even. Er sei im Dezember erreicht worden, im ersten Quartal habe man den Umsatzum 90 Prozent steigern können, die Netzeitung sei „gegen den Trend überproportional“ gewachsen.

Maier vermutet, der FAZ-Artikel sei die Replik auf die eigene kritische Berichterstattung über das Frankfurter Zeitungshaus. So bezeichnete die Netzeitung viele Thesen des neuen Buchs von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher als „sehr problematisch“. In einem eigenen Forum lässt Maier seine Leser die Auseinandersetzung kommentieren.

In Internet-Kreisen sieht man das anders. Maier versuche, mit Hilfe der umstrittenen Positivmeldungen über den Geschäftsfortgang der Netzeitung zu Werbeeinnahmen zu kommen. Dies gefällt den etablierten Zeitungsmachern nicht, die derzeit unter dramatischen Rückgängen im Anzeigengeschäft und auch unter hoch dotierten Journalistenverträgen leiden.

Die Netzeitung wurde 2000 von der Lycos-Tochter Spray Network gegründet und nach schweren Verlusten von der BertelsmannSpringer GmbH im Juli 2002 übernommen. Im März 2003 stieg – nach weiteren Millionenverlusten – auch Bertelsmann aus, neue Gesellschafter und Geschäftsführer der Netzeitung Beteiligungs GmbH wurden nach dem Management-Buyout Chefredakteur Michael Maier und Ralf-Dieter Brunowsky.

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