Inder in Europa, Europäer in Indien

Die Globalisierung trägt Früchte, die jedoch nicht allen schmecken wollen. Besonders belastet ist die Diskussion um so genanntes Offshoring, sprich: die Verlagerung von Geschäftsprozessen (Produktion, IT-Betrieb oder Dienstleistungen) ins Ausland.

In der Tat sind etwa beim Callcenter-Betrieb zum Teil menschenverachtende Zustände entstanden. So werden asiatische Mitarbeiter nicht nur schlecht bezahlt, sie werden zum Teil auch noch genötigt, sich mit falschem – meist englischem – Namen zu melden, um den Anrufern eine möglichst Vertrauen erweckende Identität vorzugaukeln.

Die bei den Kunden vermuteten Vorurteile teilten lange Zeit auch die Hersteller. Noch vor zehn Jahren galt Indien insbesondere deutschen Herstellern als etwas anrüchige Quelle für Programmierdienste. Bodyshopping, nannte man es abfällig, wenn etwa Siemens die Codezeilen seiner Programme von Asiaten nach Fehlern durchforsten ließ.

Schon damals demonstrierten vor allem die Inder durch ihre Präsenz auf IT-Messen wie der CeBIT, dass sie nicht gewillt waren, sich ausschließlich als billige Programmierknechte zu verdingen. Obwohl im Westen nach wie vor relativ unbekannt, verstehen sie sich längst als globale IT-Solution Provider. So wuchs beispielsweise der 1878 gegründete Mischkonzern Tata bereits in den 80er und 90er Jahren zu einem Software- und Service Konzern heran, der mit den meisten westlichen Konkurrenten locker mithalten konnte. Über eine Milliarde Dollar erwirtschafteten die 1968 (!) aus dem Konzern hervorgegangenen Tata Consulting Services (TCS) im Geschäftsjahr 2002/03. Allerdings sind indische Unternehmen vorzüglich für die USA tätig. In Europa wurden sie lange Zeit ignoriert. Schuld war neben chauvistischer Überheblichkeit, die geringe Bereitschaft vieler Geschäfsleute insbesondere in den romanischen Ländern und Deutschland auf Englisch zu verhandeln. Hinzu kamen die großen kulturellen Unterschiede, die oft in Missverständnisse und überzogene Erwartungen mündeten. So tun sich Asiaten schwer, offen zu widersprechen.

In Zeiten der Globalisierung sind jedoch auch hiesige Manager bereit, sich auf sprachliche und kulturelle Unterschiede einzulassen, wenn sie damit Kosten senken können. Umgekehrt haben auch die Niedriglohnländer ihre Lektion gelernt. Kiran Karmik, President der indischen National Association of Software: „Inder verstehen die Europäer nicht. In Frankreich und Deutschland müssen wir deshalb etablierte Unternehmen kaufen, die wissen was es dort braucht, um Geschäfte zu machen.“ Diesem Rat folgend machen inzwischen Unternehmen wie Cognizant, Infosys, Wipro oder NIIT Schlagzeilen, wenn sie sich hier zu Lande einkaufen. Deutschland gilt ihnen, so haben sie den Analysten von Deloitte & Touche, als Einfallstor in den europäischen Markt.

Sind die Zeiten des Bodyshoppings vorbei? Nicht wirklich: Anders als etwa Israel, das sich zu einem erfolgreichen Technologieanbieter im IT-Bereich entwickelt hat, beschränken sich die Billiglohnländer vor allem auf Dienstleistungen. Dieser Wirtschaftszweig ist dort derart wichtig, dass der indische IT-Minister Arun Shouri dreißig seiner Kollegen zu gemeinsamen Aktivitäten aufforderte, um einen möglichen Rückschlag auf diesem Gebiet entgegenzuwirken. Anlass waren verbale Angriffe von europäischen und amerikanischen Politikern gegen immer mehr Outsourcing. Ihre Länder leiden darunter, dass immer mehr Arbeitsplätze nach Fernost abwandern. So sind laut „The Guardian“ derzeit rund 400.000 US-Jobs ins Ausland verlegt worden, bis 2015 sollen es drei Millionen sein. Laut Gartner Group exportiert die USA schon Ende dieses Jahres jeden zehnten IT-Job in Ländern mit niedrigeren Löhnen. Ein ähnlicher Trend steht auch für Europa zu befürchten, so hat HP Deutschland im vergangenen Sommer Pläne zur Auslagerung von Dienstleistungsaufgaben nach Osteuropa und Asien bekannt gegeben. Siemens und SAP sind diesen Weg bereits gegangen.

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