Würfel angeblich gefallen: München bleibt in Redmonder Hand

Offener Brief an den Stadtrat kritisiert Verzicht auf Linux-Clients, obwohl diese von Beratern empfohlen wurden

Die Stadt München muss am Ende des Jahres ihre EDV auf ein neues Betriebssystem umstellen, da Microsoft den Support für Windows NT einstellen wird. Eine Studie riet der bayrischen Landeshauptstadt von Windows XP ab und empfahl den Einsatz von Linux. Doch nun scheinen die Würfel gefallen — in die andere Richtung.

Wie die Linux-München.de-Initiative aus gut unterrichteten Kreisen erfahren haben will, plädiert das Amt für Informations- und Datenverarbeitung nun entgegen früherer Äußerungendoch wieder für Windows auf den Rechnern der Stadtverwaltung München. Über die Vorlage soll in der Vollversammlung des Münchner Stadtrates am 28. Mai 2003 abgestimmt werden. Die Initiative erklärte, Steve Ballmer sei es offenkundig gelungen, die Stadtoberen von einer Microsoft- zuungunsten einer quelloffenen Lösung zu überzeugen. In einem gerade veröffentlichten Ergänzungsbericht plädiere die Unilog Integrata Unternehmensberatung nun für die Beibehaltung der Windows-Clients.

Auf Seite 29 des Ergänzungsberichtes könne nachgelesen werden, dass Microsoft in zwei Informationstagen und zwei Workshoptagen zum Thema ‚Migration‘ und ‚Schulprojekt‘ die bereits durch CEO Steve Ballmer angekündigten neuen Bedingungen für die Landeshauptstadt konkretisiert habe. Unter Berücksichtigung dieses Angebotes und der neuen Konzern-Verträge des Bundesministeriums des Inneren hätten sich wichtige Veränderungen ergeben, „die hauptsächlich die Möglichkeiten betreffen, durch flexiblere Lizenzmodelle gestaffelt umzusteigen und Rabatte im Office-Bereich in Betracht zu ziehen“. Zudem betone das Beratungsunternehmen nun, dass Microsoft in Absichtserklärungen seinen Willen zur engeren Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) sowohl in Sicherheitsfragen wie auch in Fragen offener Standards bekundet habe.

Als potentieller Vorteil werte Unilog, dass das bislang nicht berücksichtigte Office 2003 in naher Zukunft erscheinen wird und sich so Verbesserungen in der Nutzung von funktionalen Neuerungen (XML) und der längeren Nutzungsdauer – Unterstützung durch Microsoft bis 2010 – ergeben können. Gegen eine einmalige Zahlung von Euro 250.000 sei Microsoft zudem bereit, die Produktunterstützung für Windows XP bis Dezember 2009 zu verlängern. Innerhalb von fünf Jahren ab der Entscheidung sei deshalb von Kosten einer Folgemigration nicht auszugehen.

Es werde zudem herausgestellt, dass Microsoft Unterstützung durch kostenlose Leistungen im Bereich Sicherheitsfixes für NT, Support für die Migrationsphase und Einführungsunterstützung gewähren möchte. Vergünstigungen werden im Bereich CBTs und Lizensierung angeboten. Unter Einbeziehung dieser Punkte werden laut Studie umfangreich haushaltswirksame Kosten eingespart. Gegenüber der Client Studie vom Januar 2003 (34,18 Millionen Euro) werde die Microsoft-Lösung nun mit 29,3 Millionen Euro beziffert.

Für die Initiatoren von Linux-München.de ist dagegen klar, dass ein Angebot des Nürnberger Distributors Suse deutlich unter dem der Redmonder Konkurrenz liege. Dieses Angebot habe eine Kooperation mit der TU München, Abschluss eines Maintenance-Vertrages, kostenfreie Arbeitsprofile, kostenfreie Suse-Distribution für alle Mitarbeiter der Landeshauptstadt, Schulungsunterlagen und die Bereitstellung einer PC-Emulation als Ersatz für VMware eingeschlossen. Analog zur Unterstützung des Schulprojektes durch Microsoft bietet Suse kostenlose Produkte im Wert von einer Million Euro an. Zusätzlich offeriere der Distributor Fachliteratur für die Bibliotheken der Stadt für 400.000 Euro.

Im April soll Microsoft-Chef Steve Ballmer persönlich nach München gekommen sein, um die Stadtoberen vom Umstieg auf Linux abzubringen. Erst jetzt ist aber bekannt geworden, dass der Konzern offenbar eine „Kriegskasse“ für Fälle wie München bereithält: Laut Aussagen der „Herald Tribune“ wies der Verkaufsvorstandes bei Microsoft Orlando Ayala seine Mitarbeiter an, „unter KEINEN Umständen gegen Linux zu verlieren“. Sie sollen Discount-Preise anbieten, die durch einen „spezial Fund“ gegen gerechnet würden. In diesem Jahr sollen rund 180 Millionen Dollar zur Verfügung stehen.

Die von Unilog erstellte Studie hatte insgesamt fünf Varianten verglichen: Ein Totalumstieg auf Linux, die Einführung von Windows XP auf Clients und Servern und drei Mischlösungen. Das Beste wäre für München der Komplett-Umstieg auf Linux, so die IT-Analysten noch Anfang des Jahres. Allein der ohnehin notwendige Umstieg von Windows NT auf Windows XP hätte ursprünglich rund 30 Millionen Euro gekostet. Die Migration zu Linux sei um 25 Prozent günstiger, so Unilog.

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