Der Krieg im Netz

Wo sich die Informationen der Befürworter, Gegner, Experten und Privatpersonen finden

Im Golfkrieg 1991 beherrschten vor allem Fernsehbilder die öffentliche Wahrnehmung des Krieges. Beim aktuellen Waffengang schlägt die Stunde des Internet. Es liefert schnell eine große Bandbreite an Informationen und Bildern zum Krieg. Für viele ist das Netz deshalb eine selbstverständliche Ergänzung zu den klassischen Medien Zeitung, Radio und Fernsehen geworden. Die großen Nachrichtenportale haben rechtzeitig zum Krieg ihr Angebot erweitert. Darüber hinaus offenbart das Internet wieder einmal seine anarchischen Qualitäten: So genannte Webloggers, wie etwa unter www.disinfopedia.org zu finden, liefern auf ihren Sites vor allem kritische Ansichten über den Krieg.

„Die Berichterstattung im Internet ist im Irak-Krieg mindestens so wichtig wie die im Radio während des Zweiten Weltkriegs und die Fernsehberichte zum Vietnam-Krieg,“ sagt Dean Wright, Chefredakteur des US-Nachrichtenportals MSNBC.com, auf dem sich die Nutzerzahlen am Tag des Kriegsbeginns mehr als verdoppelten. Auch in Deutschland waren die großen Nachrichtenportale vorbereitet und verzeichnen Nutzerrekorde. Nach Angaben des Senders n-tv verdreifachte sich in der ersten Kriegswoche die Anzahl der User, auch die Seiten der Tagesschau verzeichneten dreimal so viele Zugriffe.

Auf den Webseiten des Nachrichtensenders n-tv gibt es schon seit Januar eine Irak-Spezialrubrik, für die zehn Mitarbeiter eigens abgestellt wurden. „Besonders beliebt sind die Videostreams zum Krieg“, sagt Tina Endzweig von n-tv. Auch Jörg Sadrozinsky, Redaktionsleiter von tagesschau.de , bestätigt, dass seit dem Irak-Krieg die Surfer verstärkt auf Livestreams der Tagesschau und auf animierte Grafiken zugreifen. „Der Hauptteil unserer Nutzer sind Büro-User, die am Arbeitsplatz keine andere Informationsquelle haben.“

Doch die User nutzen das Netz auch für Diskussionen über den Krieg. Auf dem Web-Portal von T-Online, wo nach Kriegsbeginn siebenmal so viele Nutzer wie an durchschnittlichen Tagen verzeichnet wurden, beteiligten sich nach Angaben von Redaktionsleiter Michael Schlechtriem 120.000 Surfer an einer Umfrage über den Irak-Krieg. Für die Tagesschau-Website sagte Sadrozinsky, die Diskussionsforen würden sorgfältig überwacht: „Alle Beiträge werden von Redakteuren gelesen, bevor sie reingestellt werden.“

Wem die Nachrichten allein nicht genügen, der findet im Internet eine enorme Bandbreite von Informationen. So erklärt zum Beispiel die Waffenexperten-Seite globalsecurity.org alles über die BLU-118-Bombe; terraserver.com liefert rund um die Uhr Satellitenbilder von Bagdad und anderen Regionen Iraks.

Auch für weniger neutrale Ansichten zum Irak-Krieg ist im Internet reichlich Raum: So genannte Webloggers nutzen ihre persönlichen Seiten, um ihre Sicht auf die Welt zu publizieren. Sie durchstreifen das Netz auf der Suche nach interessanten Informationen, die sie zusammentragen und kommentieren. Daraus hat sich die Unterart der Warbloggers entwickelt. Während die Fernsehsender oft angehalten sind, keine Bilder von gefangenen oder verletzten Soldaten zu zeigen oder sich selbst Restriktionen auferlegen, erscheinen immer mehr dieser Webloggers im Netz und bieten gänzlich unzensierte Informationen.

Furore macht zurzeit der Warblogger, der unter dem Namen „Salam Pax“ ein tägliches Tagebuch aus Bagdad schreibt. Ob der Verfasser tatsächlich ein 29-jähriger Architekturstudent ist, darüber wird in der weltweiten Online-Gemeinde eifrig spekuliert. „Salam Pax“ selbst äußert sich ungehalten: „Wenn ihr nicht glaubt, dass es mich gibt, dann lest doch einfach nicht weiter.“ Er sei kein Propaganda-Instrument, meint „Salam Pax“ – „höchstens mein eigenes“. Seit dem 23. März schweigt der Author allerdings.

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