Enterprise Software: Das letzte Dot.com-Opfer?

Nach allen gängigen Maßstäben hat die Enterprise-Software-Branche eine Menge durchgemacht. Optimisten rechneten ursprünglich für 2002 mit einem moderaten Wachstum und sagten für 2003 Verbesserungen voraus. Damit lagen Sie leicht daneben.

Jetzt prognostiziert man, dass alles besser wird, wenn die Irak-Krise überwunden ist. Doch die Irak-Krise dürfte das kleinste Problem sein. Hersteller von Unternehmenssoftware möchten gern glauben, dass das Geschäft wieder normal laufen wird, sobald sich die weltpolitischen Sturmwolken verzogen haben, aber damit machen sie sich nur etwas vor. Die Wahrheit ist, dass sich bei den vernachlässigten Kunden ein Stimmungswandel vollzieht, als Reaktion darauf, wie schlecht sie bislang behandelt wurden.

Das wurde auch Zeit. Während des ganzen Rummels im Vorfeld des Jahr-2000-Problems sahen Unternehmen großzügig über fehlerhafte Software, mangelnden Support und die herablassende Arroganz der Hersteller hinweg, denn die alles überragende Devise lautete: kaufen, kaufen, kaufen. Ich sollte hinzufügen, dass dies ein Kaufrausch war, der nicht zuletzt durch eine Angstkampagne der Vertreter verursacht wurde, denen es aus Eigeninteresse vor allem darum ging, soviel Panik wie möglich zu erzeugen.

Inzwischen hat sich der Trubel gelegt, und die CFOs achten wieder regelmäßig darauf, dass jedes einzelne IT-Projekt auch gerechtfertigt ist. Das heißt, dass IT-Manager nicht länger die Entscheidungsbefugnis – oder gar völlig freie Hand – haben, große Risiken einzugehen und willkürlich Unsummen für Software-Implementierungen auszugeben.

Sind sich die Hersteller von Unternehmenssoftware dieses Umschwungs in der Einstellung der Kunden bewusst? Ja, behaupten sie. Aber wenn man die Geschichten der einzelnen Kunden hört, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Da gibt es viel zu berichten von schlechtem Benehmen und gebrochenen Versprechen. Der Mangel an wirklichem Post-Sales-Support und der äußerst ärgerliche Fortbestand von Softwarefehlern tragen weiter zum Unmut der Anwender bei.

Neue Chancen für ASPs?
All dies bietet ASPs (Application Service Provider) eine zweite Chance. Die ASP-Idee, bei der Anwendungen als Service oder Online-Funktion angeboten werden für Kunden, die diese nicht selbst installieren wollen, hatte einen nur kurzen glorreichen Auftritt in den guten alten Dot.com-Zeiten. Doch inzwischen betrachten IT-Abteilungen ASP mit anderen Augen, da sie unter dem unbarmherzigen Druck stehen, schrumpfende Budgets zu strecken.

Befürworter von ASP versprechen, dass die Kunden so ihre Kosten im Griff behalten und gleichzeitig immer die neueste Technologie zur Verfügung haben. Skeptiker halten dagegen, dass es dumm ist, sich unbekannten Start-ups anzuvertrauen, die jederzeit Pleite gehen können. Und überhaupt sei Software ein Wettbewerbsvorteil für das Unternehmen – und dies auch in Zukunft.

Fazit: Auch Jahre nach dem ersten Erscheinen von ASPs auf der Bildfläche ist die Computer-Industrie immer noch gespalten, ob es sich dabei um die Zukunft der Software handelt – oder doch nur um eine weitere fixe Idee.

Sollten ASPs wie Lazarus von den Toten auferstehen, müssten sich die etablierten Softwaremächte selbst die Schuld geben. Ich weiß nicht, ob Software jemals zur Massenware wird, aber so viel ist unbestreitbar: die Kunden werden nicht mehr alles mit sich machen lassen. Wenn Hersteller von Unternehmenssoftware große Anzahlungen verlangen sowie einen Prozentsatz der gesamten Vertragskosten für Wartung, Service und Upgrades, werden IT-Abteilungen störrisch werden. Glauben die Hersteller wirklich, dass ihre Kunden dann nicht auf jemanden hören werden, der ihnen eine preiswertere Alternative anbietet – besonders wenn sie bislang beim Service übers Ohr gehauen werden?

Ich habe vor kurzem mit einem der ganz Großen aus der Softwarebranche gesprochen, der den Zustand des IT-Geschäfts so beschrieb: „Funktionale Adäquatheit, aber Inkompetenz in Bezug auf die Unternehmen.“ Sein Punkt: Trotz all der teuren Transaktionssysteme und Daten sind die Unternehmen nach wie vor von einigen unflexiblen Automatisierungswerkzeugen abhängig, die weder dem Unternehmen selbst noch dem CIO besonders viel weiterhelfen. Das würde ich nicht als Wettbewerbsvorteil bezeichnen, sondern als ziemlich teuren Betrug.

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