„Zahl der Informatik-Studienabbrecher ist unverhältnismäßig groß“

Bitkom-Vize rechnet mit der Regierung und den Gewerkschaften ab: Größere Flexibilität in der Gestaltung der Arbeitsverträge gefordert

Der Branchenverband Bitkom, der 1300 Unternehmen aus Informationswirtschaft, Telekommunikation und neuen Medien (ITK) vertritt, hat gestern die Ergebnisse seines jüngsten Branchenbarometers vorgestellt. Nach Umfragen unter den Bitkom-Mitgliedern soll im kommenden Jahr der deutsche ITK-Markt um 0,4 Prozent auf 136 Milliarden Euro wachsen – „eine positive, schwarze Null“, wie Willi Berchtold, Vizepräsident des Vereins, die Aussichten kommentierte. Die leichte Konjunkturerholung sei jedoch nur möglich, wenn die Rahmenbedingungen stimmten. Gleichzeitig wies der Verbands-Vize auf einige Ungereimtheiten in der Ausbildung zum Informatiker hin.

In den meisten Segmenten herrsche ein „verhaltener Optimismus“, sagte Willi Berchtold, Vizepräsident des Vereins, nachdem 2002 das „schwierigste Jahr in der Geschichte der ITK-Branche“ gewesen sei. 54,4 Prozent der Unternehmen rechnen mit steigenden Umsätzen. Für das Jahr 2004 stellte er eine „echte Erholung“ in Aussicht.

Laut Berchtold hat die Branche ausreichend Potenzial, um bei anziehender Konjunktur zusätzlich Mitarbeiter einzustellen. „Die ITK-Unternehmen könnten sich wieder zum Jobmotor entwickeln“, begeisterte sich der Vereinsrepräsentant.

Doch in diesem Jahr gibt es in der ITK-Branche rund 28.000 Arbeitsplätze weniger als im Vorjahr. Diese Krise macht sich bemerkbar: Es gibt weniger Studienanfänger. Während 2001 noch 36.310 Schulabgänger ein Informatik-Studium aufnahmen, waren es heuer noch 30.024. Der Rückgang beträgt demnach 17,3 Prozent. Auch bei den Ausbildungsberufen sind im laufenden Jahr weniger Verträge geschlossen worden, als in den Vorjahren.

Es scheint zwei Hauptgründe zu geben, die verhindern, dass bei Bedarf genügend ITK-Fachkräfte zur Verfügung stehen. Zum einen ist das Studium selbst ein Hemmnis. Zwischen 1995 und 2001 hat die Anzahl derer, die ein Informatik-Studium beginnen, zugenommen – von fast 13.000 auf mehr als 36.000. Die Anzahl der erfolgreichen Absolventen ist jedoch nahezu unverändert: Im Jahr 1995 gab es 6610 Abschlüsse, 2001 waren es 6070 und in diesem Jahr 6400. Die Zahl der Studienabbrecher ist demnach unverhältnismäßig groß und verursacht jede Menge Kosten. Berchtold verlangte eine „Strukturreform“.

Das zweite Problem scheint aber ebenso hausgemacht. Obwohl Berchtold fest stellte, dass die Jugendlichen sich anfällig für Krise und Jobabbau zeigten, fordert er von den Gewerkschaften und der Gesetzgebung eine größere Flexibilität in der Gestaltung der Arbeitsverträge. Diese soll dazu führen, schneller entlassen und einstellen zu können, je nach der Marktlage. „Gemeint ist kein Hire-and-Fire“, sagte er aber.

Doch insgesamt tragen die geforderten Maßnahmen kaum zu einem sicheren Arbeitsplatz bei. Vielmehr wünscht sich der Bitkom Jobs, die jeweils kurz besetzt sind. Das dürfte die Attraktivität eines Berufs im ITK-Umfeld erheblich einschränken, zumal Hochtechnologie für vergleichsweise kurzlebige Hochs und rasante Talfahrten anfällig ist.

Im Einzelnen sprach Berchtold befristete Arbeitsverhältnisse an, Teilzeitarbeit auf freiwilliger Basis, die Abschaffung „mittelstandsfeindlicher Betriebsverfassungen“, eine „Reform des Kündigungsschutzes“, die Aufhebung von Arbeitszeitbegrenzungen, ein „Umwidmen von Mitteln der Bundesanstalt für Arbeit“ und die Förderung von Telearbeit.

Als das aktuell bedeutendste Markthemmnis werten die befragten Firmen die mangelnden Finanzierungsmöglichkeiten. Insbesondere dem Mittelstand fehle die Investitionsbereitschaft der Banken, die sich mit dem Wegbrechen des Neuen Marktes aufgelöst habe, so Berchtold. Insbesondere die Gründungs- und Aufbaufinanzierung sei schwierig.

Trotzdem müssten mittelständische Firmen Eigenkapitalauslastung verbessern. Als Mittel dazu nennte der Bitkom-Vize den Einsatz von Beteiligungskapital und alternative Finanzierungsformen.

Von der Regierung verlangt der Branchenverband, das Steuersystem zu vereinfachen und die Steuerlast zu senken. „Gott sei Dank“, sei nun die unsägliche Vermögenssteuer vom Tisch, so Berchtold. Doch eigentlich kann die Regierung es dem Verband nicht recht machen. Denn zugleich aber warnt der Vizepräsident davor, dass Diskussionen um steuerliche Maßnahmen die Branche verunsichert und den zaghaften Aufbruch verhindert.

Chancenreiche Impulse sieht der Bitkom im E-Government und im Gesundheitswesen. „Auf eine Erhöhung der Kassenbeiträge kann man verzichten, wenn moderne Informationstechnik im Gesundheitswesen eingespart würde“, führte Berchtold aus.

Auch die E-Government-Anstrengungen vom Bund bis zu den Gemeinden reichen dem Verband nicht aus. Jede Stadt koche ihr eigenes Süppchen. 1200 Pilotprojekte in Sachen E-Government gebe es derzeit. Für den Branchenverband ist vorrangig eine „Bürgerkarte, mit der jeder rechtsgültige Verträge schließen kann“.

Ungeachtet sonstiger Markthemmnisse sind die Telekommunikationsausrüster vom zaghaften Konjunkturoptimismus ausgeschlossen. Noch 40 Prozent der Infrastrukturanbieter rechnen 2003 mit fallenden Umsätzen. Sie hätten ihr eigenes Problem: die UMTS-Lizenzgebühren, erläutert Berchtold.

Der Bund allerdings spare durch die Lizenzeinnahmen von 50 Milliarden Euro – pro Jahr zwei Milliarden Euro an Schuldzinsen. Berchtold forderte von der Regierung, diese Mittel in Forschung, Entwicklung und neue Dienste im UMTS-Umfeld zu investieren. Konkret spricht der von dem Aufbau eines digitalen Polizeifunks.

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1 Kommentar zu „Zahl der Informatik-Studienabbrecher ist unverhältnismäßig groß“

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  • Am 28. August 2006 um 17:41 von Peter

    Der wahre Grund der Abbrüche ist der veraltette Lehrplan.
    Meiner Meinung nach steigt die Anzahl der Studienabbrecher aufgrund der sturen und veraltetten Lehrfächer innerhalb des Informatikstudiums. Es fehlen wichtige Fächer, die das kreative bzw. das flexible anlernen neuer Inhalte vermitteln. Die Informatik ist leider zu einer Mathematikvorlesung geworen und die Prof. rechtfertigen dieses mit realitätsfremden Vorstellungen aus der höheren Mathematik. Bildlich dargestellt konnte man sich folgendes Vorstellen; man bringt den Leuten bei Steine zu suchen um mit diesen, wieder aus Steinen neue Steine zu schlagen, um den Perfekten Stein rauszuschlagen mit dem es theoretisch möglich wäre alles andere zu erledigen. Nur ist die Steinzeit leider vorbei und es gibt neue Werkstoffe, die jedoch keinen so richtig interessieren, weil Profs. sie nicht kennen oder sie nicht kennenlernen wollen. Die Unis sind wie alte Autos, schwerr und unnachgebig, anstsatt leicht und verformbar zu sein, da wundert es mich nicht das die Wirtschaft beim kleinsten Hindernissen kläglich, in Form von tiefroten Zahlen, verbluttet. Die Informatik lebt von phantasie und kreativen Ideen, welche man leider in der geschlossenen Unianstallt gegen sture theoretische Mathematik zu wandeln versucht. Was nutzen mir die abstraktesten mathematischen Beweise, wenn ich noch nicht einmal den Aufbau eines Computersystems kennenlernen darf.
    Ich würde mich gerne hier noch mit weiteren, antimathematischen Inhalten beschäftigen, jedoch fehlt mir leider die Zeit und die Geduld und ehrlich gesagt wird sich an den Inhalten sowieso nichts ändern……

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