Bangalore, Bayern und der Bundeskanzler

Kanzler Schröder einerseits und Bayern andererseits werben um indische Fachkräfte

Die Plakatwand mit Bildern vom Oktoberfest, vom Schloss Neuschwanstein und von einem schnittigen BMW wirkt auf den ersten Blick etwas deplatziert inmitten des hektischen Treibens der indischen Sieben-Millionen-Metropole Bangalore. „Warum gehen Sie nicht nach Bayern?“ steht auf dem Plakat. Die großflächige Werbung ist an die Computerspezialisten gerichtet, die in der indischen IT-Hochburg arbeiten. Bayern als führender IT-Standort in Europa biete großartige Chancen, wirbt der Freistaat.

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), der am Dienstag in Bangalore war, fasste die Aufforderung an die indischen IT-Spezialisten etwas weiter: „Wir erwarten Sie gern in Deutschland, damit das, was Sie können, auch bei uns angewandt werden kann,“ sagte er an die Angestellten des indischen Wipro-Konzerns gerichtet (ZDNet berichtete). Die indische Seite ließ ihrerseits keinen Zweifel daran, dass auch sie starkes Interesse an einer engen Zusammenarbeit mit Deutschland hat. „Dankeschön, Herr Bundeskanzler“ prangte in riesigen Buchstaben im Innenhof des Wipro-Konzerns.

Bayern dagegen ist künftig sogar dauerhaft in Bangalore vertreten – mit einem eigenen Büro namens „Gotobavaria“ (ZDNet berichtete). Es handelt sich dabei um eine regierungsnahe Organisation, die den Medien- und Hightech-Standort München und das bayerische Umland in der Welt bekannt machen soll. „In Kalifornien unterhalten wir bereits seit längerem ein Büro, in Bangalore, Indien, öffnen wir morgen unsere Pforten. Dort veranstalten wir dieses Jahr bereits zum zweiten Mal ein Bavarian Oktoberfest“, berichtete der Leiter der Bayerischen Staatskanzlei Erwin Huber nicht ohne zu erwähnen, dass er beim „Ozapfa“ weniger Schläge benötige als der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude auf dem Original-Oktoberfest.

Huber startete gerade zu einer sechstägigen Reise nach Indien und Dubai, deren Höhepunkt die für Mittwoch vorgesehene Büroeröffnung sein soll. Der Freistaat hatte bereits während der Greencard-Debatte seine Fühler in dem indischen IT-Zentrum ausgestreckt. Unter der auf dem Plakat angegebenen Internet-Adresse „www.gotobavaria.org“ können nicht nur interessierte Inder mehr blumige Worte über die Vorzüge eines Arbeitsplatzes in Bayern lesen: Weltweit bedeutende IT-Unternehmen hätten sich bereits angesiedelt, 36 Prozent aller Beschäftigten der deutschen Computerfertigung arbeiteten im Freistaat, bei den elektronischen Medien seien es sogar 40 Prozent.

Das „indische Silicon Valley“, wie Bangalore gern genannt wird, zieht massenweise ausländische Unternehmer und Politiker an. Vor allem die USA hatten maßgeblichen Anteil an der rasanten Entwicklung der Stadt – die Wachstumsrate betrug in den vergangenen zehn Jahren 40 Prozent. Aber auch Deutschland entdeckte Bangalore bereits 1951: Mit 11.000 Mitarbeitern ist MICO-Bosch das größte deutsch-indische Joint Venture. Das Unternehmen ist unter anderem Marktführer für Diesel-Einspritz-Anlagen und Zündkerzen.

Seit Jahren sind auch deutsche Software-Produzenten wie SAP (Börse Frankfurt: SAP) oder Deutsche Software präsent. Siemens (Börse Frankfurt: SIE) kann sogar auf eine über hundertjährige Firmengeschichte in Indien zurückblicken: Das Unternehmen stellte 1867 die erste Telegrafenverbindung zwischen London und Kalkutta her. Am Dienstag führte Siemens dem Kanzler seine neuesten technischen Errungenschaften vor: Mit einem Werbefilm wurde demonstriert, wie ein Ganove namens „Tiger“ dank eines Siemens-Stimmerkennungsgeräts von der Polizei überführt wird. Lachend erhob sich Schröder nach Filmende von seinem Stuhl und sagte in Richtung Otto Schily (SPD), der direkt nach den Verhandlungen über das zweite Sicherheitspaket nach Indien nachgereist war: „Ich hoffe, der Innenminister ist nicht auf neue Gedanken gekommen!“

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