ASP – Application ohne Service

Application Service Provider versprechen Anwendungen, die überall und auf allen Geräten absturzfrei laufen. Den Ärger mit den Daten überlässt man den Nutzern

KOMMENTAR – Als freier Journalist bekommt man die seltsamsten Aufträge. Hin und wieder muss man in Redaktionen mitarbeiten, die im Stil der Zeit ganz virtuell sind. Technisch war das lange Zeit eine feine Sache, auf dem Bauernhof zu sitzen und die Texte in ein Template irgendeiner Software zu bugsieren. Doch die Zeiten sind so rosig nicht mehr.

Redaktionen, virtuelle wie reale, folgen dem Ruf der Zeit und machen das, was angeblich Hunderte von Firmen im ganzen Land tun: Sie verlagern ihren Redaktionssitz ins Web, auf ein Plätzchen, das von einem ASP adrett hergerichtet ist und natürlich exakt den Bedürfnissen der Redaktion/der Firma entspricht. Wer als freier Journalist, als Consultant oder sonst wie freier Mitarbeiter sein Scherflein beitragen soll, kann für seine Flexibilität richtig bestraft werden.

Das Schweigen der Daten

Die Sache beginnt meistens ganz harmlos, wie in meinem Fall. Die eine Redaktion kündigt an, komplett auf Quickplace von Lotus umzusteigen. Dann wählt eine andere Groove als ihr strategisches Plätzchen aus. Kommt die Dritte hinzu, die ohnehin alle Termine und Adressen mit Outlook verwaltet und entscheidet sich für den Profimailer von 1&1, der eine veritable Kopie von Outlook ist, aber nur im Web existiert, als Vorzeigeprodukt von Microsofts .NET-Plänen. Mit allen drei Redaktionen gilt es Termine zu verwalten, die in ihrem jeweiligen System gepflegt werden. Hübsch bunt sind die Systeme, doch natürlich inkompatibel, mit der schönen Folge, dass ich drei zusätzliche Terminkalender warten darf.

Einen praktikablen Weg, alle Termine über die von den ASPs gestellten Werkzeuge miteinander abzugleichen, gibt es nicht. Der direkte Zugriff auf die Daten ist versperrt, aus Sicherheits- und aus Kostengründen. Man wird ihn auch für die nächste Zukunft nicht erwarten dürfen, ist es doch das Brotgeschäft der ASPs. Sie begegnen Konvertierungswünschen mit dem kargen Hinweis, dass man doch von allen möglichen Geräten und Orten auf die Daten zugreifen kann. Wozu da noch konvertieren? Die Nutzung der Software, nicht der Transfer der Daten bringt dem ASP Geld. Der Weg zur Hölle ist mit Cut & Paste gepflastert. Zum Abgleich aller Termine sitze ich mit meinem Psion vor dem Bildschirm und tippe alle mich betreffenden Daten lieber von den jeweiligen Websites ab. Immer schon mussten dem Fortschritt Opfer gebracht werden.

Graue Gegenwart, rosige Zukunft

Den Firmen, die auf ASP-Dienste setzen, mag mein Problem egal sein. Sie sitzen auf ihren Wolken in geschlossenen Systemen und finden es Klasse, wenn freie Mitarbeiter nahtlos integriert sind. Ganz selbstverständlich erzählte mir ein Redakteur etwas von der Anpassungsleistung, die von Freien erwartet werde, wie eh und je. Nur mit dem feinen Unterschied, das einstmals Daten in die Redaktionen geliefert wurden, die mit wenig Aufwand in das gewünschte Format konvertiert werden konnten: Der Zuarbeiter war Herr seiner Daten, selbst wenn ein Quark-Format auf dem Mac zum Wunsch der Bestellenden gehörte.

Nun entstehen als Antwort bereits die ersten ASPs wie Filefish, die versprechen, die Daten in allen möglichen Anwendungen, von allen möglichen Punkten aus zugänglich zu machen – wenn die Daten bei ihnen liegen bleiben, in einem proprietären Format natürlich. Fast täglich kommen Meldungen über XML an, die eine rosige Zukunft versprechen, mit ein bisschen Programmieraufwand. Und die Erde ist ein Service, von einem Application Provider entworfen. Will sagen, sie ist eine Scheibe.

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