Einweg-PCs total von der Rolle

Wie wär's mit einem Einweg-PC, der wie eine Zeitung von der Rolle gedruckt wird, einen Monat ohne Stromanschluss auskommt und danach recycelt wird?

KOMMENTAR – Jeder ZDNet-Leser kennt die Wegwerfknipser, die in Fotogeschäften und Souvenirshops angeboten werden. Ist der Film voll, gibt man Kamera samt Film ab, und bei den Ergebnissen ist man ungewöhnlich nachsichtig. Von einem Wegwerfgerät werden nicht die Leistungen einer Leica erwartet. Dieses Konzept möchte die amerikanische Firma Rolltronics (www.rolltronics.com) auf den PC übertragen. Gedacht ist an ein Gerät, das etwa 15 Dollar kostet, einen Monat lang funktioniert und dann beim Händler entsorgt wird. Damit solche Preise realisierbar sind, muss der Bau von Computern drastisch verändert werden.

Computer sind zum Wegwerfen da

Rolltronics möchte die Rechner von der Rolle drucken, wie eine Zeitung gedruckt wird. In mehreren Lagen Plastik soll so ein kompletter PC hergestellt werden können. Auf einer Grundmatte wird eine hauchdünne Lage Speicher geklebt, gefolgt von einer Lage I/O-Ports, dem Prozessor und so weiter, bis das Ganze verschweißt werden kann. Einige dieser Lagen werden Batteriefolien sein, die die Lebensdauer des Rechners wie die Geschäftserfolge von Rolltronics sichern. Gefüllt ab Werk sollen sie nur im Werk neu aufgeladen werden können.

Im stromgeplagten Kaliforniern, wo diese Idee nach Vorbild von Electric Fuel (www.electric-fuel.com) entstand, glaubt man fest an die Realisierbarkeit dieses Druckverfahrens. Ähnlich wie eine Druckstrasse Hochglanzmagazine mit einer halben Million Auflage verkraften kann, soll der mit Werbung bedruckte Computer Stückzahlen erreichen, die einen Preis von 15 Dollar möglich machen.

Gut möglich, dass die Idee von Rolltronics eine spinnerte Fantasie wie „Ginger“ ist, nur dazu geeignet, gutgläubigen Investoren das Geld aus der Tasche zu ziehen. Dennoch lohnt es sich, einmal die Konsequenzen einer solchen Entwicklung zu überdenken, wenn aus dem teuren, aberwitzig gehätschelten Rechenknecht eine Alltagsartikel wird. Bei Schreibgeräten und Feuerzeugen hat Bic demonstriert, wie man den Mythos eines Produktes in die Tonne treten kann: Heute macht man mit Feuerzeugen die Bierflasche auf.

Office-Monster werden überflüssig

Dabei sind die aufgeladenen Batteriefolien und die Laufzeiten des Rechners nur ein Teil der Änderungen. Wer solche Computer einsetzt, braucht sich keine Gedanken mehr um den Ladestand des Akkus machen. Dafür braucht er Webdrives wie (www.my-files.de), Plätze im Web, wo er seine Dateien zwischenlagern kann, ganz wie bei den propagierten Webterminals. Doch damit nicht genug. Was passiert mit teurer Software, wenn der Computer weniger kostet als eine gute Flasche Wein? Die Ausgaben für ein Betriebssystem dürften nicht größer sein als der Preis, den ein Winzer für Korken berappen muss.

Ein Monster wie Office 2000 würde vollends sinnlos werden. Vor wenigen Tagen verschickte Microsoft eine ausführliche Pressemeldung zum Thema Office und Lizenzen, die auf mehreren Seiten erklärte, was alles mit Office 2000 verboten ist. Offenbar ist Microsoft tief beunruhigt durch die Erlaubnis, dass eine Office-Lizenz sowohl zur Installation auf dem Desktop wie auf dem Laptop berechtigt (nur die gleichzeitige Benutzung ist verboten).

Im „Grundkurs Software-Lizenzen“, in strenger Lehrer-Sprache abgefasst, weist Microsoft darauf hin, das sich eine Familie schwer strafbar macht, die Office in Einzelkomponenten installiert. Mit einem Bein im Zuchthaus steht der Vater, der bei der Weitergabe alter PCs an den Nachwuchs nicht peinlich genau kontrolliert, dass alle Programme ordnungsgemäß gelöscht sind. Ein Wegwerfcomputer würde solchen Aufwand sinnlos machen und die Proteste gegen die böse Firma ebenso.

Zum Surfen und E-Mail-Schreiben reicht’s allemal

Gegen die Pläne von Rolltronics geht der Einwand, dass die Wegwerfmentalität den Fortschritt behindert. Schließlich fehle jeder Anreiz, die Geräte aufzurüsten. Doch hat der Bic-Schreiber nicht den teuren Federhalter verdrängt, der Wegwerfknipser nicht die Leica. Profis wie interessierte Amateure können sich auf einem Markt voller Zubehör um den Verstand kaufen. Ähnlich dürfte es im PC-Markt zugehen, wenn der „gedruckte“ PC Wirklichkeit wird. Für den Rest der Menschheit, der einfach nur Surfen und einen Brief schreiben will, entfiele das zwanghafte Schielen auf den Preisverfall und die verzweifelte Suche nach Updates: Beim Recycling wird der Wegwerfcomputer einfach frisch beschickt. Und wenn dieses Gestammel im Stil von „Wir können nur billig“ aufhört, dann kann man wirklich von Fortschritt reden.

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