IG Metall: Entlassungen sind primitiv

High-Tech-Konzerne kämpfen mit Entlassungen gegen Marktschwäche / "Das ist ganz einfach Gesundschrumpfen"

Man möchte sie schon gar nicht mehr hören, die Hiobsbotschaften aus der Hightech-Branche. Tagtäglich melden Unternehmen schlechte Zahlen – unter ihnen so namhafte Größen wie Siemens (Börse Frankfurt: SIE), Alcatel (Börse Frankfurt: SEL), Nokia (Börse Frankfurt: NOA3) oder Ericsson. Obwohl es bei den einzelnen Firmen unterschiedlich stark bergab geht, ist eines gleich: Als erstes denken die hochbezahlten Chefs an Einschnitte bei der Belegschaft: Entlassungen scheinen Allheil-Rezept zu sein, die Kosten müssen gedrückt werden. Fast immer schlägt sich ein angekündigter Stellenabbau an der Börse in einem Kursanstieg nieder.

Gewerkschafter wie Dagmar Opoczynski von der IG Metall beklagen, dass bei den Zahlenspielen in den Vorstandsetagen die Konsequenzen für die Mitarbeiter offenbar die unwichtigste Größe sind. „Die Chefs machen sich nur Gedanken um Kosten und Bilanz, die denken nicht an das Einzelschicksal des Beschäftigten.“ Besonders in der Krise stecken derzeit die Telekom-Ausrüster. Bei Branchengrößen wie Lucent (Börse Frankfurt: LUC) oder Alcatel gehen die Stellenstreichungen seit Anfang des Jahres mittlerweile in die Zehntausende.

Auch Deutschland ist längst kein Hort der Glückseligen mehr. Am Donnerstag kündigten die Münchner Unternehmen Infineon (Börse Frankfurt: IFX) und Epcos (Börse Frankfurt: EPC) an, dass sie 5000 beziehungsweise weitere 750 Stellen streichen werden. Infineon-Chef Ulrich Schumacher machte dafür die „dramatischen Marktentwicklungen und unsere daraus resultierende Geschäftslage“ verantwortlich. Erst am Mittwoch hatte der Mutterkonzern Siemens mit der Nachricht geschockt, dass das Unternehmen vor allem wegen der Flaute auf dem Handy-Markt erstmals seit Jahren in die roten Zahlen gerutscht ist. Bei Siemens sollen wegen der Krise mehr als zehntausend Stellen gekappt werden.

Für die Krise der High-Tech-Firmen hat Branchenexpertin Carola Hunger-Siegler von der Commerzbank eine einfache Erklärung: „Das ist der normale Schweinezyklus.“ Im vergangenen Jahr sei die Nachfrage nach Mobiltelefonen und Handy-Bausteinen „wahnsinnig explodiert“. Nun gebe es eine Flaute. Irgendwann werde es dann wieder nach oben gehen, versichert Hunger-Siegler. „Die Frage ist nur: wann?“ Zurzeit ist nach Ansicht Hunger-Siegler kein überraschender Nachfrage-Boom zu erwarten. „Wenn man bedenkt, wie viele Handys voriges Jahr Weihnachten verschenkt wurden, dann hat jetzt jeder eins.“

Solange keine grundlegende technische Neuerung komme, gebe es für die Handy-Besitzer eigentlich keinen Grund, ein neues Gerät zu kaufen, meint die Branchenexpertin. Und UMTS lasse auf sich warten. Nun müssten die Unternehmen die Zeit bis zum nächsten Aufschwung überbrücken und Kosten sparen. Entlassungen seien da eine Möglichkeit. „Das ist ganz einfach Gesundschrumpfen.“ Diese Sichtweise können die betroffenen Arbeitnehmer nur als zynisch empfinden.

„Wir halten es für einen der primitivsten Wege, bei sich andeutenden Krisen zuerst an Personalreduzierung zu denken“, sagt Dagmar Opoczynski von der IG Metall. Zwar könnten Unternehmen mit Entlassungen „sehr schnell viel Geld sparen“. Aber dies sei rein betriebswirtschaftlich gedacht – nicht volkswirtschaftlich und schon gar nicht sozial.

Bei Infineon sieht Gewerkschafter Wolfgang Müller zudem fehlende Professionalität in der Führungsspitze. Firmenchef Schumacher betreibe „keine solide Geschäftspolitik“. Die Arbeitnehmervertreter hätten im Aufsichtsrat schon Anfang des Jahres darauf gedrungen, für eine mögliche weitere Verschlechterung der Marktlage ein Krisen-Szenario zu erstellen. Dies habe Schumacher abgelehnt. Unter anderem hätte der Chip-Hersteller nach Meinung Müllers beim Bau der neuen Unternehmenszentrale in München sparen und mit dem Geld jetzt Entlassungen vermeiden können. Immerhin eine Milliarde Mark solle der Bau der neuen Infineon-Zentrale kosten, rechnet der Gewerkschafter vor: „Das ist angesichts der Lage schlicht Größenwahn.“

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