Kartellbehörden haben Microsoft erneut im Visier

Zwei Bundesstaatsanwälte: "Konzern macht weiter wie bisher" / Microsoft-Gegner: "Eher noch schlimmer"

Zwei der Bundes-Staatsanwälte, die seinerzeit die Kartellrechts-Ermittlungen gegen Microsoft (Börse Frankfurt: MSF) ins Rollen gebracht haben, haben öffentlich Bedenken geäußert, dass der Software-Konzern „seine Anstrengungen wiederholen könnte, sein Monopol zu behalten und auszudehnen.“ Anlass sind integrierte Features, die mit dem nächsten Betriebssystem XP ausgeliefert werden.

General-Bundesanwalt Richard Blumenthal aus Connecticut und sein Kollege Tom Miller aus Iowa veröffentlichten am Mittwoch Nachmittag eine kurze Pressemitteilung, der zufolge sie „ernste Bedenken“ hinsichtlich Microsofts „sehr beunruhigender“ Strategie bei Windows XP haben. Das Betriebssystem soll am 25. Oktober auf den Markt kommen.

Ihre Aussagen krönen eine steigende Anzahl von Beschwerden durch Kartellrechts-Experten, die anführen, Microsoft würde noch immer genau die Geschäftsgebahren verwenden, welche zur Einleitung des Antitrust-Verfahrens geführt haben. Die Berufungsverhandlung läuft gerade, mit der Verkündung des Urteils wird in Kürze gerechnet.

Vor drei Jahren war das Unternehmen verklagt worden, weil es seinen Browser, den Internet Explorer, mit dem Betriebssystem gekoppelt hatte. Dadurch fühlte sich Netscape massiv behindert und verlor in der Folge rapide an Marktanteilen.

Microsoft hat nun angekündigt, Features wie den Instant Messenger und Smart Tags, die Microsoft überaus große Kontrolle über die Internet-Gewohnheiten der User geben, mit dem Betriebssystem XP zu bündeln. Ungefähr 92 Prozent aller Rechner weltweit arbeiten mit einem Windows-Betriebssystem.

„Microsofts Monopol ist stärker ausgeprägt denn je und jetzt versuchen sie drei verschiedene Monopole zu erlangen“, sagte der Vorsitzende von Procomp, Mike Pettit. Procomp ist ein von Microsoft-Gegner wie Oracle (Börse Frankfurt: ORC) und Sun (Börse Frankfurt: SSY) ins Leben gerufener Zusammenschluss von Branchengrößen. Die Vertreter der Organisation hatten sich am Mittwoch zum jährlichen Sommermeeting der Bundesgeneralanwälte in Vermont eingefunden.

„Wir haben ihnen (den Staatsanwälten, Anmerkung der Redaktion) die Wege erklärt, wie Microsoft versucht, seine vielfältigen Monopole nützt, wie sie zusammenhängen und wie sie versuchen, kurz gesagt, das Internet zu kontrollieren“, so Pettit. Trotz aller Vorwürfe gegen den Software-Konzern dementierten Blumenthal und Miller einen Bericht einer Presseagentur von vergangener Woche, sie würden eine erneute Klage gegen Microsoft vorbereiten.

„Wir haben momentan keine Pläne hinsichtlich eines zweites Gerichtsverfahrens“, so Blumenthal und Miller in ihrer Erklärung. „Wir möchten eine neue Klage nicht gänzlich ausschließen, aber momentan konzentrieren wir uns auf den Fall, der bereits vor Gericht ist.“

Microsoft reagierte auf die Vorwürfe der beiden Bundesstaatsanwälte und merkte an, das neue Betriebssystem biete dem User „die best mögliche Erfahrung“. Es gehe um diesen Verkaufsvorteil und nicht notwendigerweise darum, Konkurrenzunternehmen auszuschalten.

Anwälte und Kartellrechts-Experten sehen in der Veröffentlichung von Blumenthal und Miller jedoch noch einen anderen Sinn als Kassandra-Rufe bezüglich XP: „Indirekt erklären sie, dass sie den aktuellen Kartellrechtsprozess wahrscheinlich verlieren werden“, sagte der Wirtschaft-Professor Stanley Liebowitz. „Sie denken nicht, dass die kleinste Chance besteht, die Entscheidung von Richter Jackson könnte Bestand haben. Gäbe es eine Möglichkeit, müssten sie keine Warnung veröffentlichen, denn dann würde Microsoft sowieso aufgespalten.“

Liebowitz, der Co-Autor des Buches „Gewinner, Verlierer und Microsoft: Wettbewerb und Monopol in der Hochtechnologie“, sagte, die Stellungnahme von Blumenthal und Miller sei eine Bemühung in letzter Minute, Stimmung für einen Fall zu machen, von dem viele Beobachter bereits glauben, dass er verloren sei.

XP steht für „Experience“; das Betriebssystem soll die technisch solidere Basis des Profi-Systems Windows 2000 auch dem Durchschnittsnutzer zugänglich machen und die bislang inkompatiblen Programmversionen Millenium Edition (ME) und Windows 2000 zusammenführen. ZDNet bietet ein umfangreiches Special zum neuen OS.

Kontakt: Microsoft, Tel.: 089/31760 (günstigsten Tarif anzeigen)

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