Indiens Computermetropole in der Krise

In Bangalore machen zahlreiche IT-Unternehmen dicht / Rückkehr von in den USA entlassenen Spezialisten wird Arbeitsmarkt verschärfen

Was nach einem unaufhaltsamen Höhenflug aussah, weicht jäher Ernüchterung: Zehntausende indischer Computerspezialisten, ob in den USA oder der Heimat, werden im Strudel der erlahmenden US-Wirtschaft mitgerissen. Seit einem Monat häufen sich die Hiobsbotschaften in der indischen Presse: Wachstumsrückgänge, Entlassungen und Konkursmeldungen werfen ein trübes Licht auf den einstmals boomenden „Dotcom“-Sektor.

Noch vor sechs Monaten schien die Branche in voller Blüte zu stehen. Hoffnungsvoll strömten indische Spezialisten in die USA, um ihr Glück zu machen. Doch nach den dortigen Massenentlassungen werden Tausende von ihnen wieder zurück erwartet. Und in Bangalore, dem indischen „Silicon Valley“, machten nach der anfänglichen Euphorie binnen kurzer Zeit 70 Hightech-Firmen pleite.

„Die Seifenblase ist geplatzt, und alles bricht zusammen“, beschreibt der 30-jährige A.S. Shiva die desolate Situation im südindischen Bangalore, Hauptstadt des Bundesstaats Karnataka. Erst vor einem Jahr wechselte der Werbefachmann voller Zuversicht zu Tata, dem landesweit größten Exporteur von Computer-Software. Inzwischen bereut er seine Entscheidung. Im Sog der Probleme auf dem amerikanischen Markt haben große westliche Firmen Stellenstreichungen angekündigt, darunter Cisco(Börse Frankfurt: CIS), Ericsson und Motorola (Börse Frankfurt: MTL).

Cisco-Vertreter Vishnu Pai bemüht sich um Schadensbegrenzung. Zwar gebe es viele Unsicherheiten, doch hätten die US-Firmen bislang nicht die befürchteten radikalen Verschlankungsmaßnahmen ergriffen. Trotzdem: „Das alles sieht nicht gut aus“, gibt Pai zu.

Unter den IT-Spezialisten von Bangalore ist die Stimmung am Nullpunkt. „Erst haben sie uns zwei Monate lang nicht bezahlt und jetzt kündigen sie uns“, erzählt die soeben entlassene Shidhaghatta Rashme. Die 27-jährige Frau im Sari verlor von einem Tag auf den anderen ihren Job, weil ihr Arbeitgeber keine Projekte mehr hatte. Und die Aussicht auf eine neue Stelle ist gering: „Der Markt ist am Boden und wir können keine Arbeit finden“, weiß Shidhaghatta.

Erst vor einer Woche sorgte ein einstiger Star der indischen Branche, Infosys Technologies, mit seinen Wachstumsprognosen für Entsetzen. Zwar verkündete das Unternehmen eine 114-prozentige Gewinnsteigerung im Vergleich zum Vorjahr. Doch im kommenden Jahr müsse mit Einnahmeeinbußen von 30 Prozent gerechnet werden.

Die in die USA ausgewanderten Inder sind von dem Einbruch auf dem Dotcom-Markt unmittelbar betroffen. Aus dem Aufbruch ins verheißungsvolle Land machten die Entlassungswellen großer Firmen wie Hewlett-Packard (Börse Frankfurt: HWP), Motorola oder Amazon (Börse Frankfurt: AMZ) einen Albtraum. Nach einem Bericht der „Hindustan Times“ dürften bis zum Jahresende rund 50.000 indische Informatiker wieder in ihre Heimat zurückkehren. Und ihre Ankunft wird die Lage auf dem IT-Markt weiter verschärfen.

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