Die 13 Fragen zu Napsters Zukunft

Trotz Urteil - der Hickhack um den Musiktauschservice ist noch längst nicht beendet

KOMMENTAR – Nach Ablauf einer Gnadenfrist muss Napster drei Tage nach Erhalt einer Liste mit kopiergeschützten Titeln das kostenlose Herunterladen von urheberrechtlich geschützten MP3-Audiodateien unterbinden. Das hat ein Gericht in Kalifornien jetzt entschieden. Doch der „Fall Napster“ ist verwickelt und verwirrend, denn sowohl Napster als auch die Plattenindustrie reichern Fakten oft um ihre eigene Sichtweise an. Ich habe längst eine eigene Sicht der Dinge gewonnen. Und die ist natürlich subjektiv, aber immer noch objektiver als die Verlautbarungen der Streitparteien. Hier nun also stellvertretend von mir die – ehrlichen – Antworten, die interessierte Zuschauer des Gerichtsspektakels so wohl von keiner der beiden Seiten bekommen würden.

Warum geht die Plattenindustrie so massiv gegen Napster vor und lässt andere Dienste in Ruhe?

Napster war der Pionier der Szene und bisher auch am erfolgreichsten. Sobald aber andere Geschäftsmodelle mit Musik oder Dateientausch groß genug sind, dass sie die Interessen der Platten- oder Filmindustrie bedrohen, werden auch die verklagt. Siehe MP3.com, Scour oder Eric Corley mit DeCSS.

Warum verlässt Napster nicht einfach die USA und betreibt seinen Service von einem Land aus, in dem das Urheberrecht nicht so streng ausgelegt wird?

Das Urheberrecht wird gemäß der Berner Konvention in den meisten Teilen der Welt ähnlich rigoros umgesetzt. Und Napster-Boss Hank Barry beantwortet diese Frage stets damit, dass er nicht glaubt, seine Mitarbeiter würden ihre Familien zurücklassen, um mit ihm im Irak, auf einer Offshore-Ölbohrinsel oder von einem ähnlichen Refugium aus Napster zu betreiben. Ein Gericht hat das Geschäftsmodell der Firma grundsätzlich als legitim bestätigt, deshalb scheint es, als wollen die Firmenbetreiber sich nicht wie Pferdediebe nachts aus der Stadt schleichen.

Glaubt Bertelsmann ernsthaft, dass User bei Napster bleiben, wenn der Service Geld kostet?

Jein. Bertelsmann weiß, dass viele abspringen werden. Anlässlich seiner 1-Milliarde-Dollar-Offerte an die Musikindustrie veröffentlichte das Unternehmen ein Rechenbeispiel: Blieben von den aktuell 64 Millionen registrierten Nutzern noch zwei Millionen übrig, würde das beim billigst möglichen Tarif von 4,95 Dollar pro Monat einen Umsatz von 119 Millionen Dollar pro Jahr ergeben. Und das ist nur der schlechteste Fall. Bei einer Pressekonferenz wurde eine weitere Beispielrechnung mit 14 Millionen Abonnenten durchgespielt. Es darf also angenommen werden, dass Bertelsmann in etwa diese Userzahl anpeilen könnte.

Andere Services sind auch nicht schwieriger zu bedienen als Napster. Warum regen sich die Leute so auf, wenn Napster dicht gemacht wird?

Weil Napster die größte Nutzergemeinde und deshalb auch den meisten Content hat. Wird Napster zerschlagen, verteilen sich die bisherigen Nutzer des Dienstes auf viele andere vergleichsweise „kleinere“ Dienste. Aufgrund der wahrscheinlich geringeren Mitgliedszahlen ist ein anderes Angebot vermutlich nicht so attraktiv und umfangreich wie das des Tauschpioniers. Ein Teufelskreis würde beginnen. Das Cäsar zugeschriebene Prinzip: Teile und herrsche! wäre also auch hier erfolgreich.

Die Plattenverkäufe werden durch die Schließung Napsters nicht steigen. Was will die Musikindustrie dann?

Die Musikindustrie besteht mittlerweile aus einer Handvoll multinationaler Konzerne, vulgo einem Oligopol. Kritische Zeitgenossen spekulieren seit langem, inwieweit bei einer so überschaubaren Branche die Preisgestaltung durch Konkurrenz wirksam ist. In solchen über lange Zeit aufgebauten Strukturen sitzen normalerweise sehr viele Stellen, die an einer CD mitverdienen wollen. Doch für was bräuchte ein Künstler eine Plattenfirma, wenn es nicht mehr nötig wäre, Kopien seines Tonträgers auf Rohlinge zu pressen und an den Fachhandel auszuliefern? Napsters Konzept ist einfach ein Angriff auf althergebrachte Pfründe. Die Plattenfirmen haben die Tragweite der Geschäftsidee erkannt und versuchen jetzt, sich Napster zunutze zu machen (Bertelsmann) oder ein Konkurrenzangebot aufzuziehen wie Sony und Vivendi (Universal Music) mit dem angekündigten Dienst Duet.

Können die Plattenfirmen denn den Hals nicht vollkriegen?

Auch Dagobert Duck glaubt nicht, dass er reich genug ist. Generell ist zu beobachten, dass die Anbieter von Musik und Filmen nicht mit einer so rasanten Entwicklung der IT-Industrie und des Internets gerechnet haben und jetzt um ihre Einkünfte bangen. Die Entscheidungsträger in diesen Unternehmen waren bis vor der Übernahme von Time Warner durch AOL immer ältere Herren. Bis auf die Tatsache, dass Platten und Kassetten irgendwann auf CDs und Minidisks gespeichert wurden und Filme auf Video verkauft werden konnten, war das Business eher durch den wirtschaftlichen Erfolg der Künstler geprägt. Die Vertriebsformen waren nebensächlich. Durch Napster und Co hat sich das geändert, aber die Entwicklung wurde von den Bossen verschlafen.

Wie die Firmen versuchen, ihre Einkünfte in Zeiten neuer Medien zu sichern, zeigen DVDs: Die Scheiben tragen Regionalcodes, die auf die Player abgestimmt sind und die Welt in sechs Gebiete einteilen. So kann die Verwertungskette eines Films verlängert werden und die US-DVD nicht vor dem deutschen Kino-Start in die Läden gelangen. Zum anderen gehören die sechs Gebiete teilweise verschiedenen Vertriebsfirmen, die nicht wollen, dass die Konkurrenz Dumpingpreise im eigenen „Revier“ anbietet.

Ein kostenpflichtiger Napster-Service ist nicht mehr dasselbe, oder?

Stimmt. Napster steht enorm unter Zeitdruck, bis zum Sommer eine Einigung mit den Plattenfirmen zu erreichen. Denn ohne Vertrag wären nur Lieder tauschbar, deren Rechte bei Bertelsmann und anderen Firmen liegen, die mit dem Dienst kooperieren. Songs, deren Urheberrecht bei den Anti-Napster-Labeln liegen, können dann nicht mehr ohne Zustimmung der Rechteinhaber verschoben werden. Und die wollen für diese Nutzung natürlich Geld sehen. Wieviel, das wird jetzt gerade verhandelt. Wobei die Napster-Gegner wissen, dass sie in der besseren Verhandlungsposition sind.

Warum ist Napster so darauf bedacht, den Service bis zum Sommer aufrecht zu erhalten?

Während einer Offline-Phase könnten sich treue Napster-Fans ja zu überzeugten Gnutella-Anhändern wandeln. Oder ein Zuhause bei Freenet finden. Dass sie dann zu zahlenden Napster-Usern konvertieren, ist wenig wahrscheinlich. Also wird alles getan, um die Nutzer bei der Stange beziehungsweise an der Leitung zu halten.

War das jetzt das letzte Gerichtsverfahren gegen Napster?

Nein. Das Unternehmen kämpfte bisher an drei Fronten: 1. Zahlungen für bisher begangene Urheberrechtsverletzungen. 2. Aufrechterhaltung der Geschäftstätigkeit. 3. zukünftige Umsetzung eines legalen Business-Modells. Aktuell scheint es, als könne Punkt zwei unter Beachtung zahlreicher Auflagen (Filter) erfüllt werden. Punkt drei wird gerade verhandelt und vermutlich außerhalb des Gerichts entschieden. Zu Punkt eins läuft noch ein Gerichtsverfahren. Das Urteil wird für den Sommer erwartet.

Warum hat sich der als Guerilla-Unternehmer gestartete Firmengründer Shawn Fanning an Bertelsmann verkauft?

Das weiß wohl nur er selbst. Wobei die Frage ist, ob er sich verkauft hat, wie es ihm von Fans vorgeworfen wird. Fakt ist, Fanning leitet nicht mehr die Firma, sondern hat sich aus dem Rampenlicht manövriert. Boss ist jetzt Hank Barry. Doch so langwierige Rechtsstreitigkeiten mit so mächtigen Gegnern wie der Musikindustrie verbrennen viel Geld. Und offensichtlich wollte Fanning diese „Idee seines Lebens“ nicht vor Gericht verschleißen lassen. Ob andere Investoren ebenso schnell ebenso viel Geld in Napster gepumpt hätten wie Bertelsmann, darf bezweifelt werden.

Napsters angekündigter Kopierschutz wird doch sowieso geknackt. Und dann geht alles weiter wie bisher, oder?

Nicht jeder User will sich den Aufwand antun, den Kopierschutz von Musiktiteln zu umgehen. Es gibt verschiedene Umfragen, die – je nach Auftraggeber – zeigen, dass ein mehr oder minder großer Teil der Napster-User bereit ist, für MP3s zu zahlen. Einige Fernsehzuschauer haben Premiere World, aber nicht alle sehen das Programm illegal.

Warum muss ich überhaupt dafür zahlen, wenn ich mit anderen Privatleuten rechtmäßig erworbene Musiktitel tausche?

Jeder darf sich von seinen CDs für den Privatgebrauch Kopien ziehen. Die Betonung liegt auf Privatgebrauch. US-Richter haben entschieden, dass bei Napster zuviele User involviert sind, als dass die Nutzung privat wäre, und daher eine Gebühr zugunsten der jeweiligen Plattenfirmen fällig wird. Wie hoch die ist, muss noch festgesetzt werden.

Wenn Napster kostenpflichtig wird und die anderen User sich auf viele verschiedene Dienste verteilen, hat der internetbasierte Musikvertrieb überhaupt noch eine Zukunft?

Auf jeden Fall, sonst würden Vivendi und Sony nicht an einer gemeinsamen Site nach Napster-Vorbild arbeiten.

Themenseiten: Analysen & Kommentare, IT-Business, Telekommunikation

Fanden Sie diesen Artikel nützlich?
Content Loading ...
Whitepaper

ZDNet für mobile Geräte
ZDNet-App für Android herunterladen Lesen Sie ZDNet-Artikel in Google Currents ZDNet-App für iOS

Artikel empfehlen:

Neueste Kommentare 

Noch keine Kommentare zu Die 13 Fragen zu Napsters Zukunft

Kommentar hinzufügen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *